175 Jahre Thomas Cook – und nun?
Wieder auf die alten Werte besinnen

Kommentar: Jürgen Drensek

Kommentar: Jürgen Drensek

Heute schauen wir mal zurück, um zu verstehen, warum man bei Thomas Cook in Deutschland gerade ganz neu nach vorne schauen möchte. Diese Woche wird die Marke 175 Jahre alt. Strenggenommen in Deutschland nicht, weil sie dort erst seit 2001 als heimischer Veranstaltername etabliert wurde. Quasi das einzige erfolgreiche Asset, das Neckermann und Condor damals bei ihrer abenteuerlichen, selbst enthauptenden Einkaufstour in Großbritannien erwarben – und durch die sie bis heute übrigens wirtschaftlich so schlingern, wie die Eisenbahnwaggons 1841, mit denen Gründervater Thomas Cook 500 Abstinenzler zu einem Treffen von Leicester nach Loughborough transportierte. Das war die Geburtsstunde des Veranstalters. Diese Woche soll sie original nachgespielt werden. Böse Zungen behaupten, es dürfte schwierig werden, 500 Alkohol-Abstinenzler zu finden in England derzeit.

Anyway. Der Geist von Thomas Cook soll jetzt auch Deutschland innovativ beflügeln. Messlatten gibt es dabei genügend, die auch heute noch jedem Tourismusmanager mit Herzblut höchsten Respekt abnötigt. Die Thomas Cook Hotelvoucher für bargeldloses Einchecken, die Reiseschecks, die erste Pauschalreise, die eigene Dampfschiffflotte auf dem Nil, die erste Weltreise, die ersten Reisebuchungen per Telefon, die ersten Veranstalterflüge für Urlauber, den ersten Online-Auftritt eines Reiseveranstalters… – die Reihe ließe sich fortführen.

Bloß, mit der ruhmreichen Vergangenheit allein lässt sich eben nichts kaufen. Und als Fachjournalist und Beobachter von außen musste man leider feststellen, dass seit 2001 alle Kraft der Mitarbeiter mehr ins wirtschaftliche Gesunden des zusammengewürfelten Großkonzerns gesteckt werden musste, denn in nette Girlanden zur Kundenbespaßung. Da lieferte man sich seit Jahren ein ebenfalls nur von außen amüsantes Wettrennen mit der TUI nach dem Hase und Igel Prinzip. Wobei die Hannoveraner in der Regel der gelassene Igel und sein Alter Ego sein konnten, und die Oberurseler immer mehr außer Atem hoppelten bei einem Produktvergleich, den sie – fixiert auf die Kosten und Sanierungsprogramme – nie gewinnen konnten. Die TUI war immer einen Tick schneller, präziser und punktgenauer mit Innovationen – sehr zum Verdruss vor allem des vormaligen Geschäftsführers Michael Tenzer, für den das eine Frage der verlorenen Ehre zu sein schien, von seinem früheren Arbeitgeber immer wieder geschlagen zu werden.

Nun ändern sich manchmal auf wundersame Weise die Parameter. Die TUI wird gerade gestreamlined, dass es kracht. Das neue Mobilfunk-Management will mit aller Kraft beweisen, dass kurzfristig erreichbares Shareholder’s Value auch für touristische Unternehmen gilt. Dabei verunsichert das, was viele Aktionäre glücklicher macht, zunehmend die Touristiker im Hannoveraner Haus. Der Kunde steht nicht mehr nur im Mittelpunkt, sondern dabei zunehmend oft im Weg, wenn es um Verschlankung und vermeintliche Vereinfachung von Prozessen geht. Ich hatte es bereits in der letzten Reiseradio-Ausgabe etwas wehmütig beklagt, dass derzeit aus Hannover nur wenig Impulse kommen, wie ich sie mir von so einem Premium-Veranstalter und World-Leader erwarte.

Und in Oberursel? Da etablierte Peter Fankhauser aus London klug einen Paradigmenwechsel im Topmanagement, den man schon suchen muss bei Unternehmen vergleichbarer Größe. Seit einem guten Jahr führt Stefanie Berk Thomas Cook Central Europe. Sie hat kräftig durchgelüftet. Und wenn man diese Woche in Durban bei der Pressekonferenz auf’s Podium schaute, dann stand dort die pure Emanzipation mit Charme: Neben Stefanie Berk als Chefin, Kirsten Feld-Türkis als neue Verantwortliche für Premium, Luxus und Fernstrecke und ihre direkte Erste Mitarbeiterin Sonja Karl – wie bei Franz Schuberts Operette „Das Dreimädlerhaus“. Stefanie Berk sagte es dem Reiseradio schon im ersten Interview: sie will die Marke erkennbar weiblicher machen. Heisst wohl emotionaler. Beim neuen Label Thomas Cook mit dem Zusatz „Signature“ oder gar „Finest Selection“ ist das ohne jeden Zweifel geglückt. Ein Auftritt, der sich sehen lassen kann. Sowohl im magazinigen Katalog, wie auch im Web. Das hat nichts mehr von spaßbremsender Spiessigkeit. Jetzt müssen es nur noch die Kunden lernen, dass es neben dem soliden und preisaggressiven Brot & Butter Geschäft von Neckermann und below auch die Kür bei Thomas Cook gibt. Aber Überzeugungsarbeit liegt ja quasi in der DNA des Unternehmens. War der Gründer doch im ersten Lebensabschnitt baptistischer Missionar…

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