Bahn auf dem falschen Gleis
Sparen statt Kundenzufriedenheit

Kommentar: Jürgen Drensek

Kommentar: Jürgen Drensek

Der Berliner an sich, so behaupten böse Zungen, rennt überall hin, wo es gratis was zu feiern gibt, und wenn es nur die Eröffnung eines Klohäuschens ist. Wie gut da, dass diese Stadt an „Events“ nun wahrlich nicht arm ist. Dennoch, nur verhalten sexy an diesem Wochenende das Jubiläum des Berliner Hauptbahnhofs, der seit 10 Jahren in einer imaginären Mitte Berlins angesiedelt ist, und wo sich das Zentrum drumherum erst langsam entwickelt. Wobei man schon glücklich sein muss, dass es irgendwann nicht schmuddelig verranzt sein wird, wie bei fast allen anderen deutschen Großstädten, sondern allenfalls architektonisch gruselig einfallslos. Mittlerweile ist man sogar schon dankbar, dass es den Hauptbahnhof überhaupt gibt, und ihm nicht damals dasselbe Schicksal widerfuhr, wie heute dem an Planungs-Dilettantismus nicht mehr zu überbietendem Berliner Flughafen.

Ein Jubiläum im Jubiläum ging darin fast unter. Vor 25 Jahren, am 29. Mai 1991, starteten die ersten ICE Züge in der Industrienation Deutschland. Reichlich spät im internationalen Vergleich. Aber heute könnte man sich die Bahn ohne die Flitzer gar nicht mehr auch nur ansatzweise konkurrenzfähig vorstellen im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln.  Allen dauernden technischen Kalamitäten und der chronischen Unpünktlichkeit zum Trotz.

Es gibt sie tatsächlich, die schönen Momente des Bahnfahrens, die sich dann fast so anfühlen in der Werbung. Außerhalb der Rush-Hour, möglichst in der 1. Klasse, aber auf jeden Fall mit reserviertem Platz und nicht zu viel Gepäck, und ohne die unvorhersehbaren Störungen auf dem Gleis oder im Antrieb, die einen in Umsteige-Panik versetzen. Dann ist Bahnfahren wirklich entspannend. Weniger allerdings, wenn man den vollen Preis für das Ticket bezahlen musste. Dann ist die Fahrt eigentlich nur noch Luxus.

Zwar hatte die Bahn letztes Jahr 132 Millionen Passagiere befördert – das war Rekord und politisch so gewollt. Schließlich hat der Bund 20 Milliarden in den Ausbau der Infrastruktur gesteckt, um sein Verkehrsunternehmen attraktiver zu machen. Trotzdem: Umsatz und Gewinn brachen ein, da die Bahn nur durch Sonderaktionen so viele mit endlich konkurrenzfähigen Schnäppchen-Preisen auf die Schiene lockte. Folge: zum ersten mal seit 12 Jahren ein Verlust von 1,3 Milliarden Euro.

Und jetzt kommen wir zum Gordischen Knoten für Herrn Grube. Wie soll er darauf reagieren? Durch knallhartes Sparen, Aufgabe von Strecken und Verkehrsmitteln, oder durch weitere Investitionen in die Kundenzufriedenheit?

Meine Position als Verbraucher ist da klar. Vor allem im Wettbewerb des Individual-Fernverkehrs – also abseits des großen, weiten Feldes Pendler-Beförderung – muss sich die Bahn nach den Anforderungen des Marktes und seinen Begehrlichkeiten richten. Und nicht umgekehrt, der Markt hat gefälligst zu akzeptieren, was die Bahn anbietet. Das Schmerzhafteste ist endlich eine realitätsbezogene Preiskalkulation. Eben gecheckt, Bahnfahrt Berlin-Köln One Way 195 Euro und fünf Stunden, Flug 65 Euro und eine Stunde, Getränke und Snack inklusive. Bus habe ich gar nicht mehr gecheckt, damit sich kein Manager aus dem Bahntower stürzt..

Welches fucking argument soll den Verbraucher hier gnädig stimmen? Außer bei denjenigen, die eine Flugphobie haben?

Oder die brutale Streichung der Nachtzug-Verbindungen ab Oktober. Ob nun mit ohne Autotransport. Sie seien hoffnungslos unrentabel, heisst es von der Bahn. Hoffnungslos? Ja, wenn das Produkt so betrieben wird, wie bisher, dann stimmt das. Es gibt wohl kaum etwas Unromantischeres, als eine Fahrt in einem Nachtzug der Deutschen Bahn. Von der Hardware, dem aufwändigen Procedere bis zum Serviceangebot an Bord auf gruseligstem sozialistischen Staatsbahnen-Niveau. Wenn man da fast 500 Euro für einen Schlafwagen Platz mit Autotransport gezahlt hat, wie auf der schon stillgelegten Strecke Berlin / München, ist man fürs Leben kuriert.

Hier zeigt sich am besten die Deppenhaftigkeit des Bahn-Managements. Aus Verzagtheit, und weil es keine Erfolgskontrolle gibt, wie bei einem kommerziellen Unternehmen, werden keine unternehmerischen Entscheidungen getroffen, sondern buchhalterische.

Vielleicht sollte sich die oberste Etage des Bahntowers mal eine Klausurtagung in der Schweiz gönnen, und sich von den kleinen Nachbarn zeigen lassen, wie man richtig und kundenorientiert ein Infrastruktur-Unternehmen leitet. Dann klappt’s auch wieder mit den Fahrtgästen. Weiter so, wie bisher? No mercy!

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