Jammern auf hohem Niveau
Berlin-Tourismus leidet an Flugausfällen

Von den Zahlen her bleibt es beeindruckend – und weit entfernt von allem, was Deutschland sonst touristisch an einem Ort zu bieten hat. Fast 13 Millionen Besucher verbrachten 2017 nach der offiziellen Zählung, in der ja nur Hotels berücksichtigt werden, Tage in Berlin. Summa summarum generierten sie dabei über 31 Millionen Übernachtungen. Solche Werte würden ganze Nationen glücklich machen, bei denen der Tourismus ein wichtiger Bestandteil der Wertschöpfung ist.

Aber auch das notorisch klamme Berlin kann seine Gäste gut gebrauchen. 11,5 Milliarden Euro ließen diese 2017 in der Stadt, die ja kaum noch industrielle Arbeitsplätze hat. 235.000 Menschen leben Vollzeit vom Berlin-Tourismus.

In Wirklichkeit sind die Zahlen natürlich noch höher. Aber statistische Werte müssen sich halt an rechtlich valide Erhebungen halten. Das beste Beispiel ist der Bereich Sharing Economy. Also das Bewohnen von privaten Quartieren. Der offiziellen Politik ist das ein Dorn im Auge. Den Lobbyisten vom Hotelgewerbe natürlich auch. Seit langem versucht der Berliner Senat daher durch drakonisches Schaubrüllen die Airbnbs des Marktes klein zu halten. Den privaten Vermietern wurden schlimmste Sanktionen angedroht, wenn sie ihre Bude an Städtetouristen vermieten. Angeblich geschieht das aus Sorge um die Bürger der Stadt, damit sie weiter bezahlbaren Wohnraum in der City finden. Letztendlich ist es aber nur das Nebelkerzen-Werfen, um das eigene Politikversagen seit Jahrzehnten zu kaschieren, sich nicht für die Förderung des Baus von bezahlbaren Wohnungen energisch genug eingesetzt zu haben.

Diese pure Show-Politik erkennen natürlich sowohl Vermieter, wie auch die Gäste, die lieber „living like a local“ praktizieren möchten. Außerdem wissen sie, dass Berlin mit seiner völlig gescheiterten Dritte-Welt-Verwaltung es eh nicht schaffen wird, die Vorgaben zu kontrollieren… Ergebnis: trotz aller Drohkulisse seitens des Senats wuchs allein der Anteil der Airbnb Gäste in Berlin 2017 um fast 17 Prozent. Das ist nur ein Anbieter. Und wir reden mal eben so von 700.000 Airbnb-Gästen, die durchschnittlich 4,2 Tage in der Stadt bleiben – doppelt so lange, wie Hotelgäste. 17 Prozent plus, das sind alleine vorsichtig gerechnet 240.000 Übernachtungen mehr…

Und auch die Kongresse blühen. Fast ein Viertel der Übernachtungen werden dort schon generiert. Und Kongressteilnehmer lassen es erfahrungsgemäß eher krachen mit durchschnittlich 250 € pro Tag.

All diese Zahlen könnten einen Glauben machen, es läuft doch alles rund im Berlin-Tourismus. Mitnichten. Der Ausfall von Airberlin und auch das wochenlange Personal-Chaos bei Ryanair haben sich spürbar auf die Zahlen gelegt. Jahrelang gingen die Zahlen immer steil nach oben – 2017 ist zum ersten Mal eine Delle drin. Zwar immer noch ein Wachstum, aber eines, was aus Berliner Sicht überhaupt kein erwähnenswertes ist.

Von daher erlebte ich bei der Präsentation der Zahlen 2017 einen durchaus nachdenklichen Burkhard Kieker, den Chef von Visit Berlin, der im Reiseradio-Gespräch zugab, dass er nicht wüsste, wie es weiter geht mit der Erfolgsgeschichte von Berlin. Ein Zurücklehnen gibt es jedenfalls nicht mehr. Wenn schon die Flugverbindungen nach Berlin derzeit in Schieflage sind – was vor allem die internationalen Gäste betrifft – dann muss man die so lieb gewonnene praktisch-günstige Anreise durch noch mehr Werbung vor allem in Deutschland in den Hintergrund rücken.

 

Das Gespräch hören Sie, wenn Sie den Play-Button im Bild meines Interviewpartners klicken.

 

 

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