Tourismus ist politisch tot
Gespräch mit VDRJ-Preisträger Markus Tressel

Die Vereinigung Deutscher Reisejournalisten, VDRJ, deren Ehrenpräsident ich bin, verleiht jedes Jahr ihre Auszeichnung für besondere Verdienste um den Tourismus. Da ist seit den 70er Jahren eine veritable Liste honoriger Personen zusammengekommen. Die vertrauliche Vorstellung der Kandidaten auf der Hauptversammlung und die anschließende, oft sehr kontroverse Diskussion innerhalb der Branchen-Profis (weswegen es auch gut ist, dass kein Kandidat erfährt, dass er überhaupt Kandidat ist) führt in der Regel zu erstaunlichen und beachteten, ja, geachteten Preisträgern.

Dieses Jahr traf es einen Politiker, und dazu noch einen, der nach der Gewichtslehre der Parteien-Demokratie eigentlich kein Entscheider ist, an dem man nicht vorbeikommt. Er ist Mitglied einer Partei, die dem Massentourismus eher skeptisch gegenübersteht, keine große Sympathien für Flugreisen hat, oder überhaupt für emissionsreiche Freizeitgestaltung, und der dazu noch aus einem Bundesland kommt, das im Deutschland-Tourismus wirklich nicht die Erste Geige spielt:

Markus Tressel, Grüner aus Saarbrücken und Mitglied im Tourismus-Ausschuss des Deutschen Bundestages.

Wenn man sich das vor Augen führt, ein Oppositionspolitiker ohne Führungsamt und besondere, auf Herkunft oder Umfeld basierende Affinität zum Tourismus, bekommt die höchste, weil nicht Marketing-getriebene oder Freunderlskreis-verpflichtete Auszeichnung der Branche von notorisch kritischen und mäkeligen Reisejournalisten, dann ahnt man, die Auszeichnung ist auch neben der Achtung des Preisträgers eine Ohrfeige für die Tourismus-Politik der Regierung.

Ein Wirtschaftsministerium, dem der Tourismus egal ist, eine Beauftragte der Regierung, die sich durch Nicht-Existenz auszeichnet, ein Ausschuss des Bundestages, der sich vor den Herausforderungen einer der stärksten Industrien des Landes wegduckt und sich nicht zuständig fühlt – das alles zeigt die Missachtung, die der Branche seitens der Berliner Politik entgegenschlägt.

Ob es die gerade heiss diskutierte Neufassung der EU-Pauschalreise-Richtlinie ist, der skurrile Steuerstreit um Hotelzimmer im Katalog, die Flugabgabe zum Wohle des Haushalts und etliche andere Konfliktfelder – als Beobachter hat man den Eindruck, zwar reisen alle Politiker selbst sehr gerne, aber für die Nöte und Ängste der Branche haben sie kein offenes Ohr.

Kein Wunder, dass unter all den politischen Zwergen der Normalwüchsige zum König wird. Markus Tressel sieht den Tourismus nicht als Beschäftigungstherapie. sondern als Politikfeld, in dem es große Gestaltungsmöglichkeiten gäbe, wenn man nur dürfte, fraktionsübergreifend. Er hakt auch bei unangenehmen Themen nach, wie dem ungeheuerlichen Vorwurf, die Airlines würde aus Profitgier es zulassen, dass Passagiere und Besatzung durch Giftdämpfe Schaden nehmen könnten, und er versucht, den Tourismus größer zu sehen, als nur aus dem Blickwinkel des eigenen Wahlkreises.

Das Scheibenrad aus Bronze hat deshalb auch einen Ehrenplatz bei ihm daheim gefunden. Gleich rechts der Wohnzimmer-Tür auf einer Anrichte, ziemlich solitär neben einem Blumenstrauss. Schicksal könnte sein, dass es im Herbst nicht mehr nur eine Auszeichnung ist, sondern auch ein Andenken an die parlamentarische Zeit in Berlin. Selbst als Spitzenkandidat der Grünen im Saarland ist es nach derzeitigen Sonntagsfragen eher unwahrscheinlich, dass Markus Tressel weiter im Bundestag bleibt. Deshalb traf ich mich jetzt mit ihm zu einem interessanten Reiseradio-Gespräch über die dicken Bretter, die die Politik zu bohren hat.

 

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Tourismus ist politisch tot
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