Türkei endlich NoGo! für DRV
Warum Absage der HV alternativlos war

Kommentar: Jürgen Drensek

Kommentar: Jürgen Drensek

Als ich mir das Thema DRV und Türkei ausdachte für den Kommentar heute in der Sendung, da war mir schon klar: undankbares Geschäft mit extrem kurzer Halbwertzeit. Denn man spürte ja seit Wochen, der weiße Rauch über der DRV-Zentrale muss jeden Tag kommen. Und Weiss heisst in diesem Fall, Absage der Tagung in Kusadasi und Verlegung nach Berlin. Am Freitag um Punkt 12 war es schließlich soweit. Und deshalb musste ich dieses Reiseradio auch neu produzieren mit neuen Gedanken zur Tagung und ihrer überfälligen Absage.

Egal, mit wem man vertraulich sprach beim DRV – es wurde deutlich, alles ist bereits für die Verlegung vorbereitet. Es geht nur noch um das Go! von Norbert Fiebig. Besser gesagt: Es geht nur noch um die Formulierung der Begründung. Denn eines ist klar. Norbert Fiebig ist nicht Thomas Bach, der im unrettbar korrupten IOC-Sumpf bereits so versunken ist, dass Fragen der Moral und des Anstandes nur noch als lästige öffentliche Schmeissfliegen betrachtet werden. Norbert Fiebig, der die klaren Worte liebt, auch wenn sie manchmal ironisch oder sarkastisch ummantelt werden, wußte seit einigen Wochen, dass der Spagat nicht gelingen konnte. Einerseits höflich zu bleiben gegenüber den Gastgebern, aber sich nicht zum Pudel oder gar Komplizen zu machen der offiziellen Vertreter des Landes, in dem man tagt, und das dem Tourismus so schadet. Und nicht nur diesem Gesellschaftszweig.

Es wäre für den DRV-Präsidenten ein unwürdiges Gewürge geworden, so zu tun, als existiere die Repression nicht außerhalb des Tagungsraums. Als müsse man nicht jeden Tag befürchten, dass nach den Zehntausenden scheinbar nicht Linientreuen nun auch die Hoteliers an der Küste verstärkt vom ekeligen Mob der Erdogan-Säuberer bedrängt würden wegen ihrer vielen kurdischen Verbindungen.

Nein, die Türkei in ihrer momentan aufgeheizten, fast schon an Lynchjustiz erinnernden Situation ist kein Ort für Urlaub. Punkt. Da verbietet sich bei einem Rest von Selbstachtung auch der Satz, dass die Urlauber in ihren All-Inklusive Anlagen sicher seien.

Das jahrzehntelang gültige Mantra der Touristik, Urlaub habe nichts mit Politik zu tun, ist am Beispiel Türkei endlich gebrochen. Das spürten auch die Touristiker, die noch vor Monaten nach der Absage der Schmetterling-Tagung anmahnten, welches schlechte symbolische Zeichen damit transportiert würde. Bloß, damals ging es fast ausschließlich um Sicherheitsfragen. Da konnte man trefflich streiten, wie sehr man sich zum Komplizen der Terroristen machen würde, wenn man die Türken in dieser Lage im Stich ließe. Und ich würde sogar heute unter Sicherheitsaspekten niemandem abraten, seinen Urlaub in der Türkei zu verbringen.

Aber nun sind wir Zeuge, wie ein erstaunlich fortschrittlich gewordenes Land geistig-moralisch zurückfällt in einen frömmelnden Unrechtsstaat mit einem Präsidenten an der Spitze, der sich mit Hilfe von Schlägertrupps und Geheimdienst-Schnüfflern wie ein Despot benimmt. Unbeherrscht und unfähig, demokratische Grenzen zu erkennen.

Dieser aktuelle Prozess. Darum geht es. Und das unterscheidet die Türkei von Ländern wie Ägypten, die wahrlich keine lupenreinen Demokratien sind und vieles dort trotz der perfekten touristischen Bühne wahrscheinlich schlimmer ist, als das, was wir am Bosporus derzeit beklagen.  Die schlimme Entwicklung der Türkei konnte man nicht einfach durch Wegsehen und Beschwichtigen ignorieren als Verband der reisefreudigsten Nation der Welt. Das ignorieren auch nicht die Kunden. Selbst die nicht, die sich sonst vom Dreiklang Bequemlichkeit, Büffet und Ballermann leiten lassen. Die Studienreisenden sowieso nicht. Und, und jetzt kam Fiebigs Rettung: es ignorieren auch nicht die Touristiker. Sie haben ihrem Präsidenten geholfen, den argumentativen Ausweg zu finden – indem sie sich einfach nicht anmeldeten zur Tagung. Knapp 300 bei einem der wichtigsten touristischen Ziele im Nahbereich – und wenn wir Orga-Team, Sponsoren und Medien heraus rechnen, waren wir bei etwas mehr als 200 Stimmberechtigten – das wurde ein glasklares Votum für eine Absage in einem Wahljahr. Der Präsident bekam eine goldene Brücke durch seine Mitglieder gebaut: „Schieb es auf uns alle“. Er brauchte nicht sein Gesicht zu verlieren oder sich diplomatisch von hinten durch die Brust ins Auge zu formulieren. Er konnte es auf die normative Kraft des Faktischen schieben. Eine Hauptversammlung ist für Wahlen da dieses Jahr. Und wenn sich die Wähler verweigern, dann muss der Vorstand ihnen folgen.

Die Türkei wird es verkraften. Diese Saison ist eh gelaufen. Aber man kann hoffen, dass das demonstrative Fernbleiben des wichtigsten ausländischen Partners den gemäßigten Kräften in der AKP Aufrieb gibt, dafür zu sorgen, dass das Land nicht weiter ungebremst auf die internationale, ablehnende Wand zu braust.

Nicht zuletzt für uns Journalisten von den Fachmedien wurde die Absage zum Segen. Denn über eines waren wir uns sehr einig bei Kontakten untereinander in den letzten Tagen. Als Berichterstatter sind wir natürlich da, wo der DRV ist. Aber das Rahmenprogramm der Gastgeber hätten wir boykottiert. Die großen Fachmedien hatten ihre Teilnehmerzahl bereits stark reduziert. Und viele Selbständige wollten gar nicht reisen. Auch aus Angst, vor Ort verhaftet zu werden wegen Kommentarworten wie diesen. Der meinungsfreudige Walter Krombach, Chef der Willy Scharnow Stiftung, hat gerade wegen dieser Angst abgesagt. Das konnte kein Begleitumfeld für eine DRV Tagung sein. Und deshalb war es der einzige gangbare Weg für den DRV, dieses Jahr die Reißleine zu ziehen. Von mir aus 2018 wieder. Wenn die Türkei befriedet sein sollte. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

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