TUI: Bettenbank statt Schlaraffia?
Erosion bei der Exklusivität der Produkte

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Kommentar: Jürgen Drensek

Nüchtern betrachtet konnte der Branchen-Primus wahrscheinlich gar nicht an der Erkenntnis vorbei gehen, dass die in den letzten Jahren gepredigte Konzentration auf margenstarke Diffprodukte zwar den Gewinn pro Gast erhöht hat, aber den Marktanteil insgesamt zunehmend bröckeln ließ. Über 60 Prozent aller Veranstalter-Kunden sind nämlich gar nicht so anspruchsvoll aufgestellt. Vielleicht fänden sie es ganz nett in einem kuscheligen 4-Sterne-Konzepthotel der TUI mit ausgetüfteltem Design, Raumduft und professioneller Musikberieselung, aber, ganz schnöde, die Urlaubskasse gibt es leider nicht her.

Die TUI ist also in einer Zwickmühle. Der alte Spruch von der „Marge statt Menge“ ist nicht falsch. Er  stand und steht auch für Qualität, mit der man immer gegenüber den Wettbewerbern punkten wollte und konnte. Aber er ist gefährlich für das größte Unternehmen im Tourismus, weil die Kosten der über 75.000 Mitarbeiter sich nicht einfach nach unten skalieren lassen. Damit die Maschine rund läuft, müssen eine Menge Volumen-Urlauber bewegt werden. Auch solche, die auf der soziologischen Landkarte eher das Label „langweilig und uninteressant“ bekamen – was natürlich im Marketingsprech netter formuliert wurde. Man kann die 3-Sterne-Ferien-Suchenden mit ihrer eher eindimensionalen Vorstellung, wie ein Urlaubstag aussehen soll, nicht einfach der Konkurrenz überlassen.

Jetzt sucht die TUI den Spagat. Das, was früher fast schon ein Mantra war – von Marktanteilen könne man sich nichts kaufen – soll zwar nicht ganz aufgegeben, aber massiv ergänzt werden durch die Reaktivierung der vielleicht nicht durchkomponierten, aber auch ganz netten Herbergen. „Marge und Menge“ nennt der neue CEO Sebastian Ebel das. Klingt ein bisschen nach einem Fußaufstampfen „Ich will alles“, aber folgt der neuen Management Logik der AG.

Nur: kann das, was für ein Mobilfunkunternehmen wahrscheinlich sehr richtig war – jeden potentiellen Kunden passgenau anzusprechen mit eigentlich demselben Produkt  – auch in der Touristik funktionieren? Urlaub ist eine hochemotionale Angelegenheit. Die TUI hat ein in Jahrzehnten aufgebautes Markenimage von den etwas kommoderen Ferien, die man sich doch schließlich verdient hat. Man war nie der günstigste Veranstalter, aber der mit den schöneren Girlanden und Extrawürstchen.

Und was bekamen wir Journalisten auf der Winter-Pressekonferenz auf Mauritius präsentiert als eigentliche Kernaussage? „Wir haben die buchbare Hotelkapazität verdreifacht auf 75.000 Herbergen.“ Hallöchen Bettenbank. Liebe TUI, wahrscheinlich kann man heute nicht mehr jede Saison so ein Innovationsfeuerwerk abbrennen, wie es noch zu Zeiten von Professor Karl Born war, aber ein bisschen mehr „emotional leadership“ würde man sich von Euch dann doch wünschen. Und Kreativität. In aller Freundschaft. Bitte!

TUI: Bettenbank statt Schlaraffia?
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