Vox: Das Höllische Hotel
Gutes Thema wird zum Klamauk

Kommentar: Jürgen Drensek

Kommentar: Jürgen Drensek

Die kommenden Wochen werden die meisten Deutschen viele Nächte in einem fremden Bett schlafen. Von ganz luxuriös, bis ganz einfach. Manchmal schöner und inspirierender und bequemer als daheim, manchmal aber auch eher praktisch und nicht der Erwähnung wert, hoffentlich aber nie verstörend und die Laune verderbend. Wenn man den Umfragen glaubt, ist die Unterkunft für die Deutschen immer noch das Maß der Dinge für das Urlaubsglück.

Kein Wunder, dass die Hotelvergleichs-Portale so boomen und bereits heute einen maßgeblichen Anteil an der Entscheidung für eine Herberge haben.

Kein Wunder aber auch, dass deshalb das Thema Hotel in den Medien so eine Rolle spielt. Von einem wirklich seriösen Hoteltest in einer Zeitung, den es heute fast nicht mehr gibt, bis hin zur boulevardesken Zuspitzung in einem krawalligen Reality Format bei den Privatsendern. Hotel läuft immer.

Vor allem natürlich als hochglänzendes Sehnsuchtsformat in den Coffeetable-Magazinen mit eher unkritischen Jubelartikeln über unerschwinglich teure Design-Preziosen des Gastgewerbes, die vor allem deshalb erscheinen, weil sich die vorwiegend Schreiberinnen dieser Journale mit ihrem Partner gerne mal wieder eine alimentierte Auszeit vom drögen Redaktionsalltag wünschten. Und die Verleger solchen „Journalismus“ gerne als kostenlose Beilage durch die Anzeigenabteilung vermarkten.

Aber leider kaum noch als einfühlsam-ironisches Feature, gedruckt oder gesendet, wie ehedem diese grandiosen Dokumentarfilme à la „Menschen und Hotels“ von Rita Knobel-Ulrich bei ARD und ZDF. Selbst das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen verblödet sich wegen des vermeintlichen Zuschauer-Interesses mittlerweile eher durch „Tests“ mit blonder Moderation, die sich allein schon wegen der weithin sichtbaren Präsenz der „Tester“ samt Kamera und Tonangel-Gefolge als pseudokritische Schaumschlägerei entlarven ohne den geringsten Nutzwert für den Zuschauer. Abgesehen vom wohligen Gegrusel über ein gekräuseltes Haar in Nahaufnahme irgendwo.

Dem Fass den Boden schlägt allerdings eine Sendereihe aus bei Vox mit dem Titel „Mein himmlisches Hotel“. Ein fast schon unterirdisches Reality-Format, das bei diesem Sender umso mehr schmerzt, weil er doch mal vor Jahren als Leuchtturm galt für modernen, seriösen Reisejournalismus mit dem mehrfach preisgekrönten Format „Voxtours“.

Schnell erzählt, worum es geht, damit Sie es sich gar nicht selbst anschauen müssen: Vier Hoteliers begutachten sich bei vier Besuchen gegenseitig und vergeben Punkte für Erscheinungsbild, Sauberkeit, Ausstattung, Gastgebertum und Kulinarik. Hört sich so aufgeschrieben erst mal ganz vernünftig an. Profis am Werk, die können sicher objektiv Leistung einschätzen. Ja, wenn die Sendung vielleicht noch bei den Öffentlich-Rechtlichen redaktionell betreut würde. Vox geht allerdings lieber den Krawall-Weg. So, wie der ganze Sender seit Jahren sein Niveau immer weiter nach unten schraubt im unseligen Geiste der RTL-Senderfamilie.

Wohl, weil die Scouts der Produktionsfirma Fandango schnell merkten, dass sich die meisten seriösen Hoteldirektoren so einem auf Konflikt zugespitztem Format verweigern würden, mussten in der Regel Herbergen gecastet werden, bei denen man nicht tot über dem Handtuchhalter hängen möchte. Manchmal ist ein von außen objektiv so eingeschätztes Hotel mit tatsächlich himmlischem Potential dabei, aber in der Gesellschaft der anderen wirkt es dann wie Goldstaub unter einer Dreckschicht. Und kann sich sicher sein, dass die anderen „Profis in dicken Anführungszeichen“ dieses Haus mit abenteuerlichsten Begründungen auf ihr eigenes Niveau herabpunkten. Aber, wie mir eine Hoteldirektorin eines wirklichen Juwels – natürlich abgewatscht in der Bewertung, weil sie die Mitstreiter spüren ließ, was es heisst, wirklich Gastgeber zu sein – hinterher entschuldigend sagte, es sei einfach zu verlockend gewesen, wenigstens den Zuschauern ihr kleines Haus zeigen zu können. Einige würden das hoffentlich auch wertschätzen und buchen. Frommer Wunsch. Frage nur: sitzt das richtige Publikum vor der Glotze…?

Ich habe mir jetzt aus rein beruflichem Interesse einige dieser Folgen angesehen. Es war erschütternd. Erstens, dass es anscheinend so viele nichtssagende Hotels im deutschsprachigen Raum gibt, in denen man wirklich keine Zeit verbringen mag, wenn es sich vermeiden lässt, zweitens, dass sie dreist  abenteuerliche Preise für eine Leistung aufrufen, die oft meilenweit unter Motel One Niveau angesiedelt ist, und drittens, dass sie von Menschen geleitet werden, deren Intellektualität und Fachwissen noch nicht mal für die Führung einer Frittenbude ausreichen würde.

Fazit: Wenn es eine Antiwerbung für deutsche Hotels gibt – diese Sendung erfüllt die Vorgabe perfekt und taugt höchstens als worst practise für Seminare des Dehoga. Wenn man wieder über Hotels am Mittelmeer meckert, sollte man ganz demütig darüber nachdenken, welches Preis-Leistungs-Verhältnis einen denn daheim erwartet bei vielen Herbergen. Und wenn man sich wieder die Frage stellt, ob man lieber in ein nichtssagendes Mittelklasse-Hotel geht, oder doch eine Privatunterkunft sucht für weniger Geld, dann doch eher schnell airbnb oder digitale Mitstreiter eintippen ins Adressfeld des Browsers. Solche gruseligen Hotels verdienen genauso wenig Lobbyisten-verseuchten Bestandsschutz, wie die Taxis gegenüber Uber. Zumindest diesen Beweis erbringt Vox jeden Werktag um 17 Uhr.

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