Heile Reisewelt mit Maske?
Welche Reportagen nach Corona?

Gerade eben habe ich noch auf meine Festplatte geschaut, was da noch alles schlummert an Reisereportagen aus dem letzten Jahr. Alles Filme, die produziert wurden für meine Sendung „Was mit Reisen“ auf Welt der Wunder TV. Unzählige Ordner mit wunderschönen Szenen, emotionalen Begegnungen und spannenden Geschichten am Wegesrand.

Noch sind die Szenen nicht im Post-Production-Process. Das heisst, noch sind sie nicht durch den Schnitt und die Atmosphären und die Musik zum Leben erweckt, bevor ich mir den Text ausdenke, und sie als Filmreportage sendefertig werden. Ich habe mir zwar vorgenommen – trotz allem – alle 14 Tage einen Film jetzt fertig zu machen – ja, solange dauert das bei täglicher Arbeit. Fernsehen ist komplizierter, als einen Bericht schreiben. Aber ich muss zugeben, es fällt mir nicht leicht, mich zu motivieren.

Die tollen Dreharbeiten in Hongkong. Erst war es die politische Lage, dann Corona. Überhaupt China Themen. Selbst, wenn die Szenen aus Shanghai, aus Nanjing oder Suzhou heute noch so aussehen würden, wie vor fast genau einem Jahr, als ich sie drehte – ist es redlich, die Dramaturgie der Reiseerzählung so zu spinnen, als ob kein Corona die Welt umgekrempelt hat?

Werden die Zuschauer mir gram sein, wenn ich jetzt schöne Hotelfilme aus Bali, oder aus der Schweiz, aus Thailand oder von Zypern sende? Jeder Ort zum Träumen – aber viele wie lange noch nicht erreichbar? Nun habe ich die exklusive Situation, dass ich nicht nur Produzent der Reportagen bin, sondern auch quasi Programmchef, der entscheidet, was ausgestrahlt wird.

Viel schlimmer dran sind die freien KollegINNen, die ihr Notizbüchlein voll haben mit Reiseskizzen, aber keine Redaktion mehr, die Interesse hat derzeit an Features aus der Vor-Corona Zeit.

Muss man jetzt davon ausgehen, dass all die Recherchereisen bis März 2020 zur Makulatur werden? Dass wir die Welt nicht mehr beschreiben dürfen, losgelöst von der tagesaktuellen Situation, wie das im Reiseteil bisher so üblich war? Angesichts der eh schon prekären finanziellen Situation der meisten Print-Freien wäre das eine Katastrophe. All die Erlebnisse vor Ort nur noch für das eigene Kopf-Archiv.

Und wann können wir überhaupt wieder anfangen mit unserem Beruf?

Was für eine Art Reisen wird das dann sein, und welche Bilder soll ich da machen oder beschreiben? Urlauber mit Mundschutz…?

Wie schnell werden wir die Themen realisieren können, die wir uns vor der ITB 2020 ausgedacht hatten? Wo schon feste Termine vereinbart waren für die Recherche vor Ort. Welche Ziele werden nachgefragt sein im Reiseteil der Tageszeitungen, in den Hörfunk-Magazinen, oder auf den TV-Sendeplätzen? Wollen und dürfen wir journalistische Inseln liefern zum Träumen? Oder mutiert der Reiseteil zu einer Art Auslands-Journal mit etwas weicheren Themen, immer vor der Blaupause Corona und die Folgen?

Das Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks hat Sönke Krüger, den Ressortleiter Reise von WELT und WELT AM SONNTAG und mich als Ehrenpräsidenten der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten VDRJ gebeten, mal eine Prognose zu wagen, wie es denn weitergehen könnte mit dem Reise-Resort und der Arbeit von uns Reisejournalisten.

Der Beitrag wurde produziert von Michael Meyer. Die Moderation der Sendung hat Nina Landhofer. Erstausstrahlung des Medienmagazins auf B5 aktuell am Sonntag, 26. April 2020.

Den Teil über den Reisejournalismus können Sie hören, wenn Sie auf den Playbutton im Bild klicken.

 

 

Heile Reisewelt mit Maske?
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