Thomas Cook und die Folgen
Meine Analyse zur Pleite im WDR5 Morgenecho

Am Morgen nach dem Insolvenzantrag der britischen Thomas Cook Mutter bat mich die Redaktion des WDR5 Morgenechos, den Zuhörern zu erklären, wie es zu der Pleite kommen konnte, und was es bedeutet, wenn durch sie auch die deutschen „Töchter“, wie zum Beispiel Neckermann, Thomas Cook Signature, Öger, Bucher, und vor allem die Condor, in den Abgrund gerissen werden. Hier mein Radiogespräch mit Uwe Schulz.

 

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These: Pauschalreise boomt nicht mehr.

Wenn wir jetzt bei Radio Eriwan wären und nicht beim WDR, dann lautet die Antwort… Im Prinzip jein… Aber es stimmt auch. Die Sache ist leider etwas komplizierter, ganz mal abgesehen vom aktuellen Schock Thomas Cook PLC, der auch vielleicht die deutschen Töchter betrifft. 

Da haben wir erst mal den Begriff Pauschalreise, der bei vielen immer noch so die Assoziation erzeugt, starr gebucht im Reisebüro, eine Woche Malle mit Flug, Hotel und Transfer, Summe X und gut. Kann man nix dran ändern. Quadratisch, praktisch gut, ein fest geschnürtes Paket. Also altmodisches Reisen. Das stimmt natürlich heute nicht. 

Reden wir also lieber von der Veranstalterreise, die im Regelfall genauso flexibel ist, mit allen möglichen An- und Abreise-Optionen und Hoteltypen und Ausflügen und was weiss ich – eben  wie eine Buchung, die ich mir selbst im Internet zusammenbastele. 

Ob ich den Veranstalter X oder Y nun über das Reisebüro buche, oder im Internet, das macht überhaupt keinen Unterschied… Das wird in der Diskussion immer so etwas durcheinander gebracht. Eine angeblich so moderne Buchung im Internet ist nicht unbedingt etwas anderes als eben eine Pauschal-, oder Veranstalterreise. Wenn ich auf eine Preisvergleichs-Seite gehe, sagen wir mal wie bei Holidaycheck, werde ich auf der folgenden Buchungsseite mit ganz hoher Sicherheit hinterher eine Veranstalter-Reise buchen, so, wie sie auch zum Beispiel von Thomas Cook ins System gestellt wurde.

Und man muss sogar sagen, das ganze System, Urlaub, bezahlbar für alle, geht überhaupt nur auf, wenn der Großteil der Reisen vorher von Veranstaltern konfektioniert wird.

Wenn wir jetzt mal das Gefühlige weglassen und auf die Zahlen schauen, jetzt nicht ganz exakt, weil das sonst verwirrt im Radio. Immer noch die meisten, nämlich ungefähr 40 Prozent aller Urlaubsreisen über 5 Tage sind Veranstalterreisen. Die Mehrheit davon wird immer noch klassisch im Reisebüro gebucht. Etwa 30 Prozent im Internet. In der Beliebtheit folgt danach mit 36 Prozent die Nur-Hotel-Buchung. Die findet mehrheitlich im Internet statt. 

Aber jetzt darf man auch nicht übersehen, dass viele Nur Hotel Buchungen vor allem bei sogenannten Erdgebundenen Zielen erfolgen, also da, wo ich vorzugsweise mit dem Familienauto hinfahre. Und das sind ja alles Destinationen, wo Veranstalter wie Thomas Cook traditionell eh nicht so im Spiel sind. 

Zusammengefasst, es gibt zwar einen Trend hin zur individuellen Buchung im Internet, vorbei am Reisebüro, aber das hat der englischen Thomas Cook nicht das Genick gebrochen.

Was sind denn die Ursachen für die Pleite?

Da gibt es hausinterne Gründe, aber auch externe Einflüsse. Wir reden ja immer über den britischen Teil von Thomas Cook. Die deutschen Veranstalter, wie Neckermann, Thomas Cook Signature, Öger und so weiter machen eigentlich einen guten Job – werden jetzt aber mit in den Strudel gerissen. 

Die Brexit Sorge ist ein Riesenthema in England. Das Pfund ist jetzt schon abgewertet. Urlaub ist teurer geworden in Europa. Und viele bekommen mittlerweile doch Angst, was passiert, wenn Crazy Johnson sich ohne Abkommen vom Acker macht? Sollte man da nicht lieber etwas Geld auf der hohen Kante behalten…? Dazu kommt: Thomas Cook ist eher ein Veranstalter für das Proletariat. Und in diesen Gesellschaftsschichten ist man extrem preissensibel.

Jetzt die hausinternen Gründe: In weiten Teilen ist Thomas Cook auch heute noch vor allem ein Vermittler von reservierten Urlaubsbestandteilen. Man hat Zugriff auf Hotelzimmer, Flüge, Transfer-Busse und so weiter und bastelt daraus ein Paket und verkauft das. Schön, aber damit kann man kein Geld verdienen. Die Gewinnmarge liegt bei etwa 2 Prozent. Also bei einem 1000 Euro Urlaub verdient Thomas Cook 20 Euro. Das muss man sich mal vorstellen. Da wird so ein Riesenrad gedreht mit tausenden von Angestellten und einem weltweiten Netz von Service, und am Schluss plumpst da so etwas Mickriges ins Gewinntöpfchen. Andere Veranstalter, wie die TUI, haben da schon längst umgesteuert mit ganz vielen eigenen Hotels, wo natürlich viel mehr Marge hängenbleibt. Oder die eigene Mein Schiff Flotte. Dann, habe ich schon gesagt, hat Thomas Cook eher die Urlauber, die nicht so viel Geld ausgeben können. Der Durchschnittserlös pro Ferienbuchung ist geringer. Sie macht aber leider nicht weniger Arbeit und Personalaufwand. 

Und warum es damals Anfang der 2000er Jahre wegen der Hybris einiger Manager diese Schnapsidee gab, ein gesundes deutsches Unternehmen an die Londoner Börse mit ihrer Zocker-Mentalität zu bringen, wo seitdem der Schwanz mit dem Hund wackelt, darüber könnten wir mit Wissen von heute noch Stunden diskutieren…

Kam die Pleite überraschend?

Auch wieder… jein. Klar war es in der Branche seit Monaten bekannt, dass Thomas Cook schwächelt. Die Touristiker bei Thomas Cook machen alle einen wirklich tollen Job, um den Urlaubern schöne Ferien zu ermöglichen. Aber die PLC in London hat so einen hohen Schuldenberg, dass die Zinsen jeden kleinen Gewinn auffressen, und mehr. Aber es gab in den letzten Wochen ja mehr als Hoffnung, dass alles gut wird durch den Einstieg des chinesischen Investors Fosun, der ja 900 Millionen investieren wollte. Dass jetzt alles den Bach runter geht, weil die britische Regierung sich weigert, einen Sicherheitskredit zu gewähren für das traditionell schwache Winterhalbjahr, das war ein Hammer. Die Rückholaktion aller gestrandeten britischen Urlauber wird den Steuerzahler weit über 100 Millionen kosten. Die Arbeitslosigkeit von tausenden Mitarbeitern dasselbe. Da zeigt sich wieder einmal die momentane totale Irrationalität der britischen Regierung.

Ist diese Pleite ein Signal für den Umbruch in der Reiseindustrie?

Nein, wie ich schon sagte, ohne Veranstalter ist preiswertes Reisen für alle organisatorisch nicht möglich. Was jetzt gerade passiert, trifft die Reisebüros aber ungleich härter, als den Internet-Vertrieb. Einmal haben die Reisebüros jetzt extrem viel Arbeit, alles zu organisieren – ohne dafür Geld zu bekommen. Und bei uns sind diese Agenturen im Regelfall sehr fokussiert auf wenige Veranstalter, die sie verkaufen. Das hat etwas mit der Provisionsregelung zu tun. Wenn da so ein Dickschiff wegbricht – vielleicht sogar eines, das mit Namen groß über der Eingangstür hängt – dann ist das schon ein Tiefschlag in den Magen. Internet-Buchungsseiten haben in der Regel über 100 Veranstalter. Einer mehr oder weniger, das lässt sich umsteuern.

Die Condor, auch eine Thomas Cook Tochter, die aber auch unabhängig als Dienstleister agiert, ist ein Sonderfall. Da gibt es Verkauf von nur Flugsitzen, aber auch andere Veranstalter, die mit ihr fliegen. Eigentlich ein Unternehmen, das Gewinn erwirtschaftet. Wenn die jetzt auch pleite geht, weil die Bundesregierung sie nicht mit Liquidität ausstattet, weil ja nix mehr kommt aus London, dann gibt es ein Blutbad in Deutschland, gegen das die Pleite von Air Berlin ein Kindergarten war. Dann reisst der Damm.

Ist mit dem Aus für Thomas Cook der Markt bereinigt?

Im Gegenteil. Es wird bitter, wenn auch die deutschen Töchter in die Insolvenz rutschen. Schauen Sie: der starke Reisesommer. Viele Hotels ausgebucht. Bezahlt werden sie vom Veranstalter in der Regel zwei Monate nach Abreise der Gäste. Also wann wird der Sommer gezahlt? Im Oktober. Aber da wird nicht mehr gezahlt von Thomas Cook London, weil schon Insolvenz. Wie viele Hotels am Mittelmeer werden hart an der Pleite vorbeischrammen? Oder die Incoming Agenturen, die das alles organisieren vor Ort. Die bekommen auch kein Geld. Die haben aber auch andere Veranstalter als Kunden, für die sie nicht mehr arbeiten können. Oder die Provisionen der Reisebüros, die können noch drei Monate rückwirkend zurückgefordert werden…

Thomas Cook ist nicht irgendein kleiner Spezialveranstalter, durch dessen Ausfall sich irgendwas bereinigt. Es ist der zweitgrößte Veranstalter der Welt, an dem zigtausende Menschen unmittelbar und hunderttausende mittelbar hängen. Das ist ein Desaster für die gesamte Branche und den Urlaub insgesamt, was die Politik nicht so ganz begreift.

 

 

Thomas Cook und die Folgen
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