Virtuell nach Ost-Berlin
TimeRide lässt Geschichte erfühlen

Als jemand, der das Glück hatte, bereits vor dem Mauerfall nach Berlin gezogen zu sein, wurde ich in den letzten Jahren immer missmutiger, wie, bei aller Euphorie über den Neubau eines Zentrums, die Geschichte immer mehr ausradiert wird. Die jahrzehntelange Teilung der Stadt ist, wenn überhaupt, auf eine dezente Streifen-Pflasterung reduziert, Gedenkorte verkommen immer mehr zur profanen Instagram-Kulisse,  und am symbolträchtigsten Ort, dem Checkpoint Charlie, ist Geschichte schon seit Jahren einem Billigst-Konsum geopfert worden. Einfach gruselig – bis auf das große Mauerpanorama des Künstlers Yadegar Asisi.

Nun besteht für Besucher – aber auch die vor allem jungen Berliner selbst – die Chance, sich vor Ort doch mal wieder zurückzuerinnern, wie das an diesem und anderen Orten Ostberlins war vor dem November 1989.

Auferstanden aus Festplatten und Grafikkarten ermöglicht das Unternehmen TimeRide eine virtuelle Tour hinein nach Ostberlin. 

Virtual Reality kennen viele Touristiker ja vor allem durch die Oculus Brillen in Reisebüros, in deren 360 Grad Echt-Filmen (also eigentlich gar nicht Virtual Reality) Kunden sich schon mal auf die Destination einstimmen können, oder einfach auf Entdeckungsreise gehen durch Schiffskabinen und ähnliches. Alles immer noch ein bisschen auf Kirmes-Niveau, aber durchaus unterhaltsam – und, wie man so hört, durchaus hilfreich im Verkaufsgespräch.

 

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Jonas Rothe und sein TimeRide Team wollen den Besuchern nun Geschichte verkaufen. Kein leichtes Unterfangen in einem Umfeld, das den Besucher erdrückt durch Tingeltangel-Momente. Der Vorsatz ist ambitioniert. TimeRide Gäste durchlaufen vier Stationen: Mit der VR-Brille stehen sie tatsächlich mitten am Checkpoint – aber sehen keine Hütchenspieler, Wurstbuden und verlauste Grenzsoldaten-Darsteller, sondern Rundum-Bilder aus den letzten Jahrzehnten von eben jenem Schicksalsort. In Station zwei stehen sie an einer (nachgebauten) Mauer und sehen auf Bildschirmen Alltagsszenen aus Ost und West aus den 80er Jahren, bevor sie sich ihren virtuellen Führer aussuchen, der sie ganz subjektiv kommentierend – denn Geschichte ist in ihrer Betrachtung grundsätzlich subjektiv – durch die künstliche Omnibusfahrt durch das alte Zentrum Ostberlins begleitet.

Noch vor der Eröffnung konnte ich diese sehr spezielle Busfahrt ausprobieren. Und ja, es schlich sich schnell das etwas bedrückende Gefühl ein, das ich als Wessi hatte in den Jahren vor und nach dem Mauerfall, wenn ich wieder mal in den anderen Teil Berlins wechselte. Dieses Kribbeln, auf einmal in einer Welt unterwegs zu sein, die unter einer alles umfassenden Schicht von Ruß, Pastell und Kontrolliertheit lag. Ein bisschen, wie Matrix.

Mit dem Geschäftsführer von TimeRide – übrigens Silbermedaille 2018 beim Deutschen Tourismuspreis des DTV – Jonas Rothe sprach ich danach über seine neue Attraktion (nach Köln und Dresden).

Für das Interview bitte auf den PLAY Button im Bild von Jonas Rothe klicken

Infos über den TimeRide Berlin

 

 

Virtuell nach Ost-Berlin
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