Kommentar: Jürgen Drensek

Fangen wir positiv an: es war eine insgesamt schöne Reise, diese erste deutschsprachige Rainbow Cruise auf der TUI Mein Schiff 2. Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, die Fahrt zwischen Mallorca und Malta war die stimmungsvollste, die ich jemals an Bord eines TUI-Schiffes erlebt habe. Und selbst auf der AIDA Flotte war es höchstens in den Anfangsjahren – damals noch unter dem Clubgedanken – vergleichbar familiär entspannt.

Man könnte aber auch sagen, es war eigentlich eine ganz „normale“ Kreuzfahrt; nur mit einem um Lichtjahre besseren Entertainment-Programm, weniger welkem Fleisch auf dem Sonnendeck und einer Passagier-übergreifenden Grundfreundlichkeit, begleitet von einem amourösen Flirt-Grundrauschen, das aber zum Glück so gut wie nie den Level zum Fremdschämen erreichte.

Ist das „Experiment“ Queer-Cruise also geglückt? Das erste von zweien in diesem Jahr, die sich explizit an den deutschsprachigen Markt wenden? Nur fast. Denn hinter Glitzer und Glamour waren schon noch viele organisatorische Baustellen erkennbar, die auf jeden Fall abgearbeitet werden müssen am Anckelmannsplatz in Hamburg, bevor man ab 2019 davon träumen darf, eine Rainbow-Cruise ähnlich erfolgreich integrieren zu können, wie zum Beispiel die Heavy Metal Cruise, die ja schon fester Bestandteil der Sonderfahrten geworden ist.

Halb zog man sie, halb fiel sie hin

Wer sich in der deutschen Kreuzfahrtbranche auskennt, erinnert sich, unter welchem Hickhack vor weit über einem Jahr gleich zwei konkurrierende Reisen auf den vergleichsweise kleinen deutschsprachigen schwul/lesbischen Markt kamen. 2017 wurde als Jahr ausgerufen für die M-Cruise im Herbst, scharf fokussiert auf den schwulen Kreuzfahrer, und die gerade durchgeführte Rainbow-Cruise auf der Mein Schiff 2. Darüber hinaus gibt es natürlich die internationalen Pink-Cruises, teilweise mit großer Erfahrung und Tradition. Doch dazu später mehr.

Von Anfang an hatte man bei der TUI das Gefühl, dass sie halb gezogen wurde, und halb hin fiel in der Konzeption und Durchführung dieser Nischenreise. Noch unter Richard Vogel spürte man das Fremdeln mit der Klientel und auch die Sorge, der strahlende Markenname TUI könne Schaden leiden, wenn so eine Fahrt nicht nur aus hedonistischem Partyspaß bestünde, sondern womöglich am Ende – größter anzunehmender PR-Gau – schlüpfrig-pornografische Boulevard-Schlagzeilen produzierte. Und ein internationales Unternehmen wie die TUI tut sich per se mit seinen Compliance-Regeln ungleich schwerer, als ein unbekümmerter Veranstalter aus der Szene, der frank und frei aus seinem Marketing-Wissen entscheiden kann, auf meiner Reise sind nur Schwule als Gäste gerne gesehen.

Daher auch TUIs frühzeitiges Hinwenden zum schwammigeren Begriff „Rainbow Cruise“. Im politisch korrekten Würge-Sprech heisst es LGBTI. Also Lesben sollen genau so willkommen sein, wie Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle. Und spätestens da gaben die Marketingleute auf.

In der Definition und Vorbereitung dieser Tour knirschte es an allen Ecken und Kanten beim Dickschiff TUI. Es war geradezu schmerzhaft spürbar, dass sich niemand von den Verantwortlichen mit Herzblut des Themas annahm – aber gleichzeitig brachte man in Hamburg auch nicht den Mut auf (eine andere kolportierte Lesart lautete, man war zu hanseatisch-knauserig) sich in die Hände von Spezialisten zu legen. Heraus kam also ein Werbekonzept, das allenfalls feuchte Phantasien heterosexueller Reihenhausbesitzer bediente, aber auch nicht ansatzweise respektvoll mit der erwünschten Zielgruppe umging. Die zur Karikatur degradierten schief grinsenden, Muskel-bepackten Popeye-Matrosen auf dem Prospektmaterial und den Anzeigen dürften in die Analen der peinlichsten TUI-Werbemotive eingehen und stießen bei mindestens vier der fünf Buchstaben aus der avisierten Community sauer auf.

Nun mögen das nur Überlegungen sein für ein Pro-Seminar in Zielgruppen-spezifischem Marketing, und welche Fettnäpfchen da lauern, wenn man als Blinder über die Farbe Rosa redet. Aber es hatte leider praktische Konsequenzen. Die Buchungen tröpfelten nur in die Systeme. Von wegen, wie bei Heavy Metal, nach zwei Wochen ist die letzte Kajüte weg.

Das Marketing-Desaster

Dieses Mal traf man in Bildsprache und Wording nicht den Nerv – und man hatte keine professionellen Medienpartner mit der entsprechenden Reichweite und dem nötigen journalistischen Know-How beziehungsweise dem Influencer-Potental, um flächendeckend die gewünschte Zielgruppe zu erreichen. Das war neu fürs Hause TUI.

Und jetzt beging man den größten Fehler, der sich mittelfristig furchtbar rächen kann: Voll in Panik Anfang des Jahres, dass die Mein Schiff 2 sich nicht komplett verkaufen würde, gab man die Reise frei für Herrn und Frau Jedermann. Der Vertrieb sollte aktiv auch heterosexuelle Kunden auf die allein vom Programm her so schöne Reise locken. Nicht nur das. Auch purzelten die Preise nach den Regeln der Marktwirtschaft. Die Folge: fast 300 Billigheimer Heteros waren auch an Bord. Keine Frage: überwiegend sehr liebe, nette Menschen, von denen allerdings die meisten (im Rentenalter) dann doch fremdelten mit der Crowd auf dem Regenbogen-Schiff. Denn es war beileibe nicht etwa so, dass die queere Community sich nicht den Spaß erlaubt hätte, in Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse an Land die heterosexuelle Randgruppe vor allem abends in den Shows genussvoll aufs Korn zu nehmen. Geschenkt. Spaß muss sein. Viel schlimmer der sehr verständliche Unmut, dass die Loyalität des Frühbuchens von der TUI so bestraft wurde. Ein so hochwertiges Produkt zu verramschen – und dann noch an Gäste, die mit dem Anliegen nichts zu tun haben – das stieß bitter auf.

Warum TUI Cruises nicht alternativ lieber kurzfristig PEPs für zumindest schwul/lesbisch affine Expedienten der künftigen Beratungskompetenz wegen an den Counter gebracht hat, oder Youngster-Specials bis Ende 20 auflegte (die Reise war, auch wegen der hohen Kosten, vom Durchschnittsalter her um die 50…), das wird man in der nachträglichen Analyse hoffentlich thematisieren. Alles wäre besser gewesen, als der eingeschlagene Weg mit dem freien Rabatt-Verkauf an jeden. Viele Gespräche mit Hetero-Pärchen ließen auch vermuten, dass die Beratung im Reisebüro, was denn genau eine Rainbow-Cruise sei, eher auf dem Niveau lief, na, Sie kennen doch diese Travestieshows… ist doch lustig…

Clash of Cultures

Und auch die Kommunikation nach innen war offensichtlich verbesserungswürdig. Es gab natürlich Vorbereitungsgespräche mit Gästebetreuern, dem Führungspersonal in den Restaurants und dem Staff, worauf man sich vielleicht einstellen sollte, wenn so viele amüsierwütige Schwule und Lesben und, und, und, an Bord kommen. Da gab es auch kein Fremdeln.

Aber ganz anders beim angestellten Fußvolk. Wie das auf Kreuzfahrtschiffen so ist, überwiegend zusammengeklaubt aus dem (eher homophoben) osteuropäischen Raum, und aus exotischen Kulturkreisen oder auch Religionen, wo ein unbefangener Umgang mit Schwulen und Lesben eher nicht vorkommt. Dieser Clash  war deutlich spürbar. Vor allem, wenn man den ansonsten exzellenten Service an Bord der Mein Schiff Flotte kennt. Das Verhalten vieler Stewards und Stewardessen war – diplomatisch positiv formuliert – allerhöchstens professionell desinteressiert. Der Job wurde erledigt, meistens aber ohne Lächeln oder soziale Interaktion. Schiffs-Neulingen wird es vielleicht gar nicht aufgefallen sein. Aber das war eindeutig unter TUI Standard und zeigte, dass man sich von Veranstalter-Seite bei der Vorbereitung nicht einfühlsam genug um solche sensiblen Themen gekümmert hatte.

Wobei wir endlich beim schon sehnsüchtig erwarteten Thema Sex wären… Das S-Wort, das für den Veranstalter eben auch für Schrecken stand. Dieses Mal gab es nicht nur eine rote Rose zur Begrüßung, sondern auch Plüsch-Handschellen in Pink und zwei Kondome und ein bisschen Gleitgel. Ach, wie frivol 🙂 Und einige Tage später lag abends eine Überraschungsbox eines Erotik-Versenders (den nun wirklich nichts mit der schwul/lesbischen Community verbindet) auf dem Bett. Oha! Wer allerdings heimkommend von einer Party stimuliert das Siegel aufriss, um auf eine Collection aus zweifelhaften Ramsch-Toys, nochmals Kondomen und Flutschi-Gel zu blicken, und dem erst dann die beiliegende „Geschenkkarte“ auffiel, auf der sehr verschämt und sehr kleingedruckt zu lesen war, dass bei Öffnen der Box dem Bordkonto 30 Euro belastet würden.., der bekam spätestens dann trotz der Toys eine eriktile Dysfunktion. So kann man eine eigentlich charmante Idee (denn monitär belastet wurde am Ende niemandem die Box) auch in den Sand setzen.

Ganz ungeplant hätte die Box auch helfen können, theoretisch prickelnde Momente auf der privaten Kabine zu unterstützen, denn Cruisen an Deck war bei dieser Cruise eher etwas für Hartgesottene. Bis auf die letzten zwei Nächte wurde es immer empfindlich kühl und windig. Keine guten Voraussetzungen für heiße Gedanken. Für das Wetter kann die TUI natürlich nichts. Aber es bleibt eben auch ein Indiz mehr, dass man sich bei dem Termin im Frühjahr nicht so unbedingt in die Erlebniswelt der Zielgruppe hineindenken wollte.

Also sexuell war es eher brav angesichts von 1280 schwulen Männern im Gesamtpublikum der 1700 Gäste. Ja, es gab laut Flurfunk  einen mysteriösen Fall unter Einbeziehung eines eher unwilligen Kabinenstewards, der sogar mit dem Bann von Bord endete – aber im Vergleich zu den Atlantis-Cruises dümpelte Mein Schiff 2 eher mönchisch durch die Wellen. Und heterosexuelle Männer, die sich trotzdem ins Dampfbad wagten, trugen ab dem zweiten Tag lieber Badehose. Gelebte Toleranz an Bord.

Beim Revenue wieder versöhnt

Nun könnte man sich noch Spaltenlang austauschen über die Sandkörner im Getriebe des pinken Spaßdampfers. Letztendlich zählt für ein Unternehmen wie die TUI nur der Revenue am Ende des Törns. Und zumindest da hat die Community gezeigt, was sie so drauf hat. Nicht nur, dass die exklusiven und Zuzahlungs-pflichtigen Restaurants fast immer voll waren. Mittlerweile sind die Pfandflaschen gezählt und der Rest im Container. Es wurde gesoffen. Oder sich auch die potentiellen Dates nur schön getrunken. Anyway. Die Bars hatten trotz AI fünfmal soviel Umsatz, wie auf einer normalen Reise. Und das eben nicht nur mit Getränken, die gratis waren. Allein 400 Flaschen Champagner wurden geköpft und – neben den 3000 Inklusiv-Litern – 3700 Flaschen kostenpflichtiger Wein. Der Sektverbrauch war doppelt so hoch mit 2500 Flaschen, und Gin und Vodka gingen dreimal so häufig über die Theke, wie üblich. Nur beim Bier, was bei der Heavy Metal Cruise bereits nach drei Tagen neu an Bord geschafft werden muss, war die queer Society wählerischer. Mit 2000 Litern lief noch nicht einmal die Hälfte durch die Zapfhähne.

Fazit: mit Schwulen und Lesben kann man also durchaus auch Geld machen. Denn auch im Spa-Bereich wurde im Akkord massiert und verschönert, dass die Bordkasse klingelte. Und da die LGBTI-Gäste so gesittet und pflegeleicht blieben (viel mehr, als die Heavy-Metaller und vor allem die World-Clubber der vorherigen Reise, die das Schiff und alle Nerven der Crew ziemlich ramponierten), ist die Chance gut, dass es kein einmaliges Erlebnis bleiben wird im Zeichen des Regenbogens.

Viel wird auch davon abhängen, wie die M-Cruise sich schlägt. Auf einem viel kleineren Schiff mit nur 400 Kabinen, ohne den geballten Einsatz von Unterhaltungs-Stars, wie bei der TUI, aber men-only. Wie man hört, gibt es da auch noch einen Leerstand von über 20 Prozent nach einem Jahr Marketing. Bloß bei einem darf man sich sicher sein: die Veranstalter werden am Schluss keine Rentner-Pärchen mit Sonderpreisen locken. Es sei denn, beide Silberlocken sind schwul. Aber, ist das dann Diskriminierung…?

 

Under the Rainbow-Cruise
4.7Kommentar
Standpunkt
Analyse
Sprache
Leser Bewertung 49 Stimmen