We are family
DERTouristik mit Sentido

Bei jeder Veranstalter-Pressekonferenz sitzt ja derzeit Thomas Cook schemen-, oder auch geisterhaft mit am Tisch. Zumal jetzt das Ende des so lange zweitgrössten deutschen Urlauber-Landverschickers nach der überfälligen, nun auch offiziellen Absage aller Reisen im kommenden Jahr quasi amtlich ist. Dass es mit Oberursel irgendwie weitergehen könnte, daran hatten eh auch nur noch unverbesserliche Berufs-Optimisten geglaubt. Zu klar war bereits, dass die liebwerte Konkurrenz zwar menschlich durchaus Mitgefühl zeigte, aber gleichzeitig alles unternahm, um Thomas Cook und seinen Marken die Geschäftsgrundlage unter den Füßen weg zu ziehen; sprich, ihnen, neben Personal, vor allem die Hoteliers abzuwerben. Viel Überzeugungsarbeit war da sicher auch nicht nötig, nach dem finanziell und kommunikativ chaotischen Ende der Gruppe.

Alle großen Veranstalter hatten die Leiche Thomas Cook schon gefleddert, bevor die Totenstarre einsetzen konnte. Bereits kurz nach Bekanntgabe der Insolvenz war klar, dass kaum ein Hotelier an Bord bleiben würde. Für Exklusiv-Kontingente fehlte nach den dramatischen Zahlungsausfällen die Vertrauensbasis, und die Hotelmarken wurden eh nur durch Franchise-Verträge zusammen gehalten, die juristisch nach der Pleite für eine weiter quasi erzwungene Bindung an Thomas Cook kaum noch etwas wert waren.

Kein Wunder, dass das letzte Marketing-Filetstück – die gut eingeführte Marke Sentido – nun auch von der Fahne ging. Absatz-Bewegungen gab es ja bereits – etliche Häuser werden in der kommenden Saison zum Beispiel unter die Fittiche des TUI-Blue Franchises schlüpfen – aber DERTouristik CEO Ingo Burmester konnte jetzt doch einen kleinen Coup landen. Er wird für seine Veranstalter das komplette Konzept übernehmen. In diesen Tagen sollen die Übergabe-Verträge noch final ausverhandelt werden, aber man kann davon ausgehen, dass Sentido bald einen neuen Franchise Geber hat. Es war auch höchste Zeit, damit man von der einst stolzen Marke mit guten Ruf bei den Urlaubern noch etwas retten konnte.

Insgesamt reibt man sich als Beobachter derzeit schon etwas die Augen, wie schnell ein Traditions-Riese wie Thomas Cook letztlich atomisiert wird. Vielleicht ist das Bild des Piranha-Schwarms etwas schief. Aber es ist schon bemerkenswert, wie der Eindruck entsteht, die Nummer Zwei im Markt war irgendwie überflüssig. Ihr Portfolio wird nahtlos ersetzt von Dritten. Weder quantitativ noch qualitativ noch preislich wird der Urlauber etwas merken bei der nächsten Ferien-Planung. Opfer sind „nur“ etliche Mitarbeiter, für die es keine neuen Jobs geben wird, wenn sie keine wertvollen Spezial-Kenntnisse oder Insider-Wissen haben – und natürlich die Kunden, die, sofern sie ihre Reise oder Anzahlung nicht per Kreditkarte beglichen haben, ziemlich sicher etliches Geld verlieren werden.

Dieser Vertrauens-Gau ist denn auch derzeit die eigentliche Unbekannte im Spiel. Wird es eine Verweigerungs-Haltung geben, den Sommer 2020 erneut klassisch bei einem Veranstalter zu buchen? Nach dem Motto, wenn die versprochene Sicherheit  eh doch nicht so da ist, dann könne man ja auch gleich im Internet vermeintlich günstiger sich die Reise zusammen stellen…

Kein Wunder, dass Ingo Burmester vor den Journalisten in Katar seine DERTouristik gerne darstellen wollte, wie den berühmten Fels in der Brandung – wenn der Slogan nicht schon vergeben wäre. Bei der REWE Tochter könne man weiter nicht nur völlig sicher sein, was den Komfort und die Bequemlichkeit anginge. Auch bei der finanziellen Sicherheit sei DERTouristik so etwas wie der Bundes-Schatzbrief der Branche – angesichts der 60 Milliarden Umsatz der Konzern-Mutter…

Mal unabhängig davon, ob das Lebensmittel-Schwergewicht REWE tatsächlich aus der Portokasse einer faulen Reise-Tomate helfen würde – die Betonung auf die quasi unendliche Solvenz war natürlich nicht zufällig. Gerade untersucht die BaFin die finanziellen Rücklagen des DRS, der TUI, DERTouristik und die Bahn-Tochter Ameropa mit seinem guten Namen, aber relativ wenig Eigenkapital absichert. Da möchte man schon beim Agenda-Setting etwas vorbauen, dass man schließlich in diesem Konstrukt auf Gegenseitigkeit so ein Risiko-armer Mitspieler ist, dass man ohne Schwierigkeit der Traumkunde eines jeden Versicherers sei.

Alles ist im Subtext natürlich adressiert an die etwas sorgenvolle Zielgruppe der Familien. Die sind schließlich seit jeher für das Brot und Butter Geschäft der Volumen-Veranstalter zuständig. Und für sie ist die Sicherheit in jeder Hinsicht essenziell. Vielleicht war das auch der Hintergrund, dass langjährige Branchen-Beobachter bei der Pressekonferenz von Ingo Burmester etwas die DNA der DERTouristik vermissten, vor allem durch die Frankfurter Marken immer ein wenig „feiner“ sein zu wollen. Die immer so ein bisschen zum Reisetraum tauglichen Qualitäts-Girlanden Baustein, Deluxe und Ferne wurden, wenn, dann nur am Rande gestreift. Im Wesentlichen konzentrierte sich alles auf folgender Aussagen:

  • Man steht ein für ein „Sicher-Super-Sorglos-Gefühl“ – ja, diesen Wahnsinns-Claim gibt es tatsächlich…
  • 2020 wird der „Familiensommer ganz nah“ – wo es schon mutig ist, sich auch auf die erdgebundenen Ziele zu fokussieren, angesichts der doch eher durchwachsenen Erfahrungen der Veranstalter, bei dieser Klientel als Alternative zum selbst Buchen beim Beppi punkten zu können…
  • Die DERTouristik habe mit 2400 Agenturen im stationären Vertrieb, mit 1700 Mitarbeitern für vier Millionen Gäste, mit 19 Zielgebietsagenturen und 61 Büros in 27 Ländern das beste und größte Experten-Netzwerk ever…

Das strahlt schon eine gehörige Portion Selbstvertrauen aus, die über das Pfeifen im Wald weit hinaus geht. Oder, um es mit Ingo Burmester zu formulieren: „Wir sind ein schlafender Riese. Keiner weiß so recht, wie stark wir sind…“

Zeit für ein Gespräch über Stärke. In Katar unterhielt ich mich abseits der PK mit DERTouristik CEO Ingo Burmester.

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