Wer die letzten Wochen Nachrichten schaute, hatte selbst bei den sonst seriös-zurückhaltenden Quellen ARD und ZDF manchmal den Eindruck, mittendrin zu sein in einem Katastrophenthriller. Hilfspersonal in Seuchenschutzanzügen, martialisch abgeriegelte Wohnviertel, breite Magistralen, durch die nur noch der Wind fegt und Müll vom Strassenrand – es fehlte (zum Glück) nur noch die amerikanische Angewohnheit von TV-Sendern, mit episch-dramatischer Musik und einer Bild-Collage die neuesten Nachrichten über Corona / Covid19 anzuteasern..

Ein Virus mit Gruselpotential. 

Nicht missverstehen: es ist keine Lappalie. Weit über 1000 Tote und zigtausend Infizierte, das alles mit immer noch offenem Ende, das ist ein Thema. Ein öffentliches, und nicht nur eine Forschungsarbeit für Infektiologen. 

Auf der anderen Seite sollte man auch nicht vergessen, dass im selben Zeitraum, in dem wir jetzt fasziniert-ängstlich auf das Corona Virus Covid19 starren, ein vielfaches an Menschen gestorben ist durch das artverwandte Influenza Virus, vulgo, die Grippe. Die WHO Zahlen gehen von drei bis fünf Millionen schwer Infizierten pro Jahr aus. Wenn wir nur den Mittelwert nehmen und ihn durch 12 teilen (was ja sehr optimistisch abgeleitet ist, weil die Grippe-Fälle im Winter logischerweise ungleich höher sind…), dann kommen wir auf fast 700.000 Infizierte weltweit seit Jahresbeginn. Und nach demselben Rechenmodell auf an die 75000 Tote.

Interessiert es uns? Gibt es deswegen Sondersendungen? Nein, wir haben gelernt, mit der Grippe zu leben. Man könnte auch sagen, wir sind abgestumpft genug, die reale Bedrohung durch diese Infektion nicht mehr zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Das ist nur ein Beispiel für unsere verzerrte Wahrnehmung von Gefahr. Ein spannendes Seminarthema für Geisteswissenschaften und Journalismus. Vor allem über die gesellschaftlichen Folgen. Man könnte vielleicht noch schmunzeln über die geistig eher schlichten Gemüter, die sich derzeit nicht trauen, „beim Chinesen“ essen zu gehen, oder die sich weigerten, Autos zu warten eines Betriebes, bei dem Mitarbeiter sich infiziert hatten. Weniger komisch sind da schon die Dummbratzen, die ihre intellektuelle Beschränktheit dadurch ausleben, dass sie asiatische Menschen einfach so bedrohen und bedrängen.

Und im Tourismus? Auch da gibt es derzeit das Potential des Durchdrehens. Eine Marginale ist die Angst, auf der ITB könnte es leer werden wegen der Virus-Angst. 0,3 Prozent der Aussteller und 0,02 Prozent der Besucher kommen aus China. Die Messe Berlin gibt sich gelassen. Die Toiletten würden häufiger gereinigt und desinfiziert. Eine gute Entscheidung. Sollte man beibehalten, unabhängig vom aktuellen Virus…

Dass China-Spezialist Caissa Touristik Kurzarbeit anmelden musste, macht das Problem deutlich: Gesamt-China (!) ist derzeit unverkäuflich; ebenso wie Hongkong durch die politischen Spannungen. Für Full-Sortimenter ist das noch verschmerzbar. Problematisch wird es, wenn zum Beispiel Thailand mit traditionell sehr vielen chinesischen Besuchern Infektionszahlen präsentieren müsste. Dann ist es nicht mehr weit, dass asiatische Destinationen generell gemieden würden. 

Die Kreuzfahrt-Branche sieht sich derzeit mit der Angst konfrontiert, ein Hochrisiko-Ort zu sein. Dabei gab und gibt es laufend Fälle von zum Beispiel Norovirus-Ausbrüchen und sich rasant ausbreitenden grippalen Infekten. Aber dieses Mal wurde man durch die fehlende Faktenlage gezwungen zu Maßnahmen, die Schiffe medial zu Internierungslagern machten.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Der zusammengebrochene Incoming-Tourismus, die Streichung fast aller Flugverbindungen, der Auftritt mancher Airline-Crews mit Schutzhandschuhen und Atemmaske…

Ich möchte eine leicht übertragbare Virus-Infektion nicht klein reden. Ich hatte einmal eine richtige Grippe. Das braucht und will kein Mensch. Aber etwas weniger Panik und lieber Besinnung auf einfache Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln würde dem Thema wahrscheinlich besser helfen. Ich sprach darüber mit Professor Dr. Jelinek, dem Wissenschaftlichen Leiter des Centrums für Reisemedizin CRM.

 

Um den Podcast mit Tomas Jelinek zu hören, bitte auf den PLAY Button im Bild klicken.

 

 

Corona - zu viel Panik?
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