
Wer hätte gedacht, dass sich die Medienlandschaft so rasant und leider auch disruptiv ändert, dass sich sowohl ein vor noch nicht einmal 10 Jahren formuliertes Leitbild der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten wie auch VDRJ-Regeln für Journalisten einem neuen Realitäts-Check stellen müssen? Dokumente unserer eigenen Handlungs-Charta quasi, die nach Jahren harter Diskussion innerhalb der Vereinigung mühsam entstanden und damals als Ultima Ratio in Stein gemeisselt schienen.
Flexibilität im Wandel
Natürlich sind unsere Grundgedanken heute auch noch erstrebenswert und mitnichten obsolet. Aber die normative Kraft des Faktischen in der täglichen Arbeitswelt erfordert eine Flexibilität – um nicht zu sagen Verrenkung -, die wir uns damals nicht vorstellen konnten und wollten.
Kern-, und Angelpunkt ist das liebe Geld. Das, das immer weniger vorhanden ist – neben den immer mehr ausdünnenden klassischen Medien-Outlets, die unsere professionelle Arbeit überhaupt wertschätzen und beauftragen. In den letzten Jahren ist die Zahl der Reiseredaktionen beängstigend geschrumpft – egal, ob nun Print, Radio oder TV. Und bei denen, die noch existieren, sind die Honorar-Etats so eingekürzt, dass oft die Bezahlung rangiert im Bereich „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“…
Geld zählt – Punkt !?
Anfang des Jahrtausends wurde ich vom Deutschen Journalisten Verband (DJV) gebeten, über die Lage des Reisejournalismus zu schreiben für das Verbandsmagazin „Journalist“. Ich wählte die provokante Headline „Überleben am Büffet“ Es war schon damals weniger eine böse Spitze, denn die Beschreibung der bösen Wirklichkeit. Zugrunde lag eine – aus heutiger Sicht grenzenlos optimistische – wirtschaftliche Berechnung:
Würde jemand, der Reisejournalismus betreibt, im Monat auf vier Recherchereisen gehen, die jeweils vier Tage dauern (also vier Themen erarbeiten für eine mögliche Veröffentlichung) dann könnte sie oder er vier Artikel (plus jeweils ein bis zwei Bilder) von 150 bis 200 Zeilen den damals noch vielen Regionalzeitungen anbieten. Nähme man dann ein Zeilenhonorar von durchschnittlich 70 Cent (!) und ein Bildhonorar von 30 €, ließe sich maximal ein Umsatz von etwa 180 € pro Abdruck erzielen… Stellen wir uns weiter ein fleissiges Lieschen vor mit drei festen Abnehmern pro Thema, wären das 540 € pro Thema. Und weil dem fleissigen Lieschen alle Redaktionen fiktiv zu Füßen lagen, druckten sie auch vier Themen pro Monat ab. Ergo, ein Gesamtumsatz von 2.160 €
4 Themen im Monat? Vergiss es!
Aber jeder, der sich im Reisejournalismus auskennt, wird jetzt natürlich lachen. Heute vier Themen pro Monat, die in mindestens drei Zeitungen erscheinen? Und das jeden Monat? Und mit diesem kalkulierten Honorar? Aussichtslos. Selbst bei Radio oder TV, wo die Honorare naturgemäß höher sind, weil jeder Beitrag viel mehr Aufwand bedarf, sind viele Veröffentlichungen pro Monat illusorisch.
Ergo: auch wenn wir Reisejournalisten die Überzeugung haben, dass für gute Arbeit auch anständiges Honorar gezahlt werden muss, und dass uns das von den Hobby-Content-Creators jeder Couleur im Kern unterscheiden sollte – die reale Medienwelt kümmert sich darum nur wenig.
Ein Reisejournalist – vor allem für Printmedien -, der heute bedingungslos der reinen Lehre folgen möchte, unabhängig die Geschichten recherchiert, sich nicht um Werbung und sonstige Zumutungen kümmern will, der kann keinen betriebswirtschaftlichen Businessplan mehr erstellen, der halbwegs seriös ist.
Schon damals, bei meinem Artikel für den „Journalisten“, sah die Wirklichkeit so aus, dass sich viele KollegInnen aus reiner Begeisterung für das berufliche Reisen selbst in die Tasche logen. Sollte es tatsächlich mal einen Monat gegeben haben mit vier Einladungen in ferne Länder, rechnete man den Wert dieser Premium-Studienreisen hoch und war auf einmal jemand mit fünfstelligem Einkommen… Denn diese Summe hätte man als Nicht-Reisejournalist ja zahlen müssen für das identische Erlebnis… Kein wirkliches Geschäftsmodell, das man jungen Menschen und Berufsanfängern empfehlen möchte. Jeder, der im Lokal-Journalismus als Freier das Geld verdient, ist um Längen besser dran. Denn lokale Themen gebären im besten Fall jeden Tag einen Beitrag.
Blogger vs. Journalisten?
Und jetzt müssen wir die Betrachtung noch erweitern auf die – mittlerweile gar nicht mehr neuen – Player in unserem Fachgebiet: Blogger und Influencer. Letztere sollen hier keine Rolle spielen. Denn die Bastion, dass Journalismus nie etwas mit (Schleich)-Werbung zu tun haben sollte, darf einfach nicht geschliffen werden. Influencer sind im Bereich Marketing unterwegs und nicht in der professionellen, hinterfragenden Berichterstattung – auch wenn etliche touristische PR-Player das anders sehen möchten.
Die vielleicht einzige Reputation, die Journalisten – und auch journalistisch tätige Blogger – noch verteidigen können und müssen, ist ihre Glaubwürdigkeit. Und die kann man nicht verteidigen, wenn es zwischen Berichterstatter und Objekt Geldflüsse und Publikations-Absprachen gibt.
Gratis als Risiko
Dass Journalisten nicht gratis arbeiten sollen oder gar nicht dürfen, hat sich dagegen unfreiwillig von einem starken Postulat zu einer wünschenswerten Arbeitsgrundlage gewandelt. Wer sich in der Medienwelt umhört, weiss, wie atomisiert die schon früher nicht üppigen Honorare sind. Da ist es nur noch ein winziger Schritt zum Gratis-Schreiben, wenn dafür eine gute Präsentation der Arbeit erfolgt als Beleg der eigenen beruflichen Qualität, um weiter auf der PR-Seite als relevant zu gelten.
Nicht zu vergessen, dass auch viele journalistisch Tätige mittlerweile eigene Blogseiten, Internet-Redaktionen oder Mediatheken betreiben, die ebenfalls nicht primär dem Gelderwerb dienen, sondern dem Self-Marketing.
VDRJ zwischen den Fronten
Es ist eine komplizierte Gemengelage, die es Berufsvereinigungen, wie der VDRJ immer schwerer machen, klare Richtlinien zu formulieren, wer willkommen ist, und wer nicht. Die Voraussetzung, hauptberuflich (!) Reisejournalismus zu betreiben, ist – quod erat demonstrandum – obsolet. Es wäre natürlich wünschenswert. Keine Frage. Aber wer werfe den ersten Stein, und könnte es glaubwürdig belegen; vor allem als Freiberufler?
Da muss man einfach der Realität ins Auge blicken, dass Reisejournalismus für die allermeisten Akteure heute nicht mehr der zentrale Broterwerb ist. Es wird eine Mischkalkulation sein mit fliessenden Grenzen – die allerdings niemals so weich sein dürfen, dass die wirtschaftliche und ethische Unabhängigkeit angegriffen wird. Oder es ist ein Nebenerwerb, weil reich seiend oder wohlhabend verpartnert.
Wer die Professionalität als Berufsvereinigung hoch halten möchte – und nur das ist sinnvoll angesichts des immer schneller werdenden Fortschreitens der Künstlichen Intelligenz, die mediokre Handmade-Arbeiten schneller überflüssig machen wird, als man sich vorstellen mag – muss all die Willkommen heissen, die sich dem handwerklichen Können und der Unabhängigkeit gegenüber verpflichtet fühlen. Seien es klassische Journalisten, Blogger, Fotografen, Medienmacher und auch – im eigenen Verbandskreis – PR-Profis, die die Leitlinien der VDRJ als Kommunikations-Grundlage akzeptieren..
Glaubwürdigkeit first
Heute ist die Glaubwürdigkeit das allerhöchste Gut für Medien. Gerade der Reisejournalismus und die, die ihn möglich machen, behalten nur dann ihre Relevanz, wenn sie den Medien-Nutzern nicht nur das Gefühl geben, sondern die Sicherheit, dass ihnen Wahrhaftigkeit präsentiert wird, gepaart mit großem Fach-Wissen, um Entscheidungen leichter zu machen.
Das ist das kritische Kriterium für die Akzeptanz von außen. Nicht, wo wir publizieren, in welchem Stil und für wie viel Honorar. Wir müssen idealerweise die Instanz sein, die den wertvollen Rat geben kann, weil man uns vertraut. Das ist die Messlatte für die Zukunft.

