Immer häufiger ertappe ich mich bei einem Gedanken, den ich jetzt viele Jahrzehnte lang fast als Frevel empfunden hätte. Habe ich überhaupt noch eine Freude am Verreisen?
Seit Ende der 70er Jahre bin ich so richtig touristisch unterwegs. Vorher, und das haben wir Millennials ja gemeinsam, wurde eher im Schwarzwald oder an der Nordseeküste oder mal in den Alpen Urlaub gemacht. Ein reicher Ladenbesitzer in der Straße meiner Kindheit fuhr schon Anfang der 70er Jahre nach Tunesien, nach Marokko oder sonst wo Exotisches hin mit dem Flieger, und kam mit vielen Geschichten heim. Ehrlicherweise waren es eher Souvenirs, aber natürlich hatte jeder in der Straße darüber getuschelt.
Die erste Flugreise – Abenteuer Spantax
Meine erste Flugreise war 1977 mit der legendär-berüchtigten Spantax nach Malaga, und glauben Sie es mir oder nicht: Ich mit unschuldigen 18 Jahren, saß ganz hinten und sah aus dem Fenster, wie das Triebwerk beim Landeanflug leise Flammen ausspuckte. Ein wunderbarer Beginn einer langen Leidenschaft fürs Fliegen und fürs Reisen…
Und jetzt auf einmal keine Lust mehr? Nein, es ist nicht nur das Alter, wo man ja grundsätzlich etwas bequemer wird. Und es ist auch auf keinen Fall so, dass mich die Schönheit unserer Weltkugel nicht mehr faszinieren würde, und ich nicht mehr Pipi in die Augen hätte, wenn ich an besonders schönen Orten einfach nur verweile und schaue.
Reisen als Leidenschaft – und Beruf
Dabei bin ich doch eigentlich das Paradebeispiel für den bewussten, guten Reisenden. Denn als Reisejournalist ist es ja meine Aufgabe, vor Ort die Augen, die Ohren, die Nase offen zu halten, zu schmecken, zu riechen, zu fühlen, um so viele Eindrücke wie möglich in mich aufzunehmen und daraus einen inspirierenden Bericht zu machen. Entweder als Artikel, als Hörerlebnis oder als Fernsehfilm.
Ich muss ja mehr sein als „nur ein normaler Tourist“, der in der Gruppe hinter einem Führer mit Fähnchen latscht, in der Sonne erschöpft von den langatmigen Ausführungen über kulturelle Vergangenheiten. Nein, ich soll für sie vorreisen. Ich soll ihr kleines Trüffelschwein sein, genau das zu erspüren, was fremde Länder eben so attraktiv macht.
Wenn das Schöne ins Kippen gerät
Und das ist des Pudels Kern. Ich habe manchmal den Eindruck, man kann die Augen gar nicht mehr so zusammenkneifen, und nur noch so selektiv sehen, dass man sich nur noch auf das Schöne konzentriert. Die vielleicht größte soziale Errungenschaft, die des Reisens für jeden, hat es leider mitgebracht im Laufe der Jahrzehnte, daß die Welt nun voll ist von all denen, die sich darüber aufregen, daß es so voll ist.
Die Masse sind natürlich immer die Anderen. Und wie trefflich kann man sich über sie aufregen, sie, die kein Wort Fremdsprache herausbringen, die ignorant sind und eigentlich ihrem Deutschtum weiter frönen wollen, nur mit einer veränderten Kulisse und besserem Wetter. Viel beißende Satire gab es schon über die Massentouristen.
Aber man muss ja auch zugeben, wir sind an dem Punkt, wo das Schöne des Tourismus Gefahr läuft, ins Kippen zu geraten. Jetzt, wo auch Nationen wie Indien, China die Welt entdecken wollen. Millionen, Milliarden Menschen mehr, die sich um die besten Plätze an den schönsten Orte der Welt kabbeln.
Warum Urlaub zum Stress wurde
Wer nicht über sehr viel Geld verfügt, erlebt schon bei der Ankunft am Flughafen schmerzlich und nervtötend die Klassengesellschaft des Reisens. Die frühere Leichtigkeit gepaart mit Erregtheit auf das, was noch kommen soll, die Vorfreude, die Lust, ungewohntes Fremdes zu entdecken, ist zunehmend gewichen dem Stress des Reisens. Und der setzt sich, absurderweise, in den ja angeblich schönsten Wochen des Jahres fast an allen Punkten des Erlebnisses fort. – Das Hotel nicht so schön wie im Katalog erträumt, das frühe Reservieren der Liegen, das nicht gefallene Buffet, die eingezäunte Urbanisation, die nichts von natürlichem Liebreiz des Landes übrig lässt, Die Ausflüge, die man eher pflichtschuldigst und nicht neugierig abhakt, weil man ja die Sehenswürdigkeiten gesehen haben muss. Die Einheimischen, die so nerven, weil man sich nicht versteht.
Travel is broken
Ganz schön pessimistisch, nicht wahr? Eine Jammerei auf hohem Niveau von einem Privilegierten, der das Glück hatte, Jahrzehnte in der ersten Reihe unterwegs sein zu können. Aber Hand aufs Herz, wenn Sie an Ihre letzten Urlaube zurückdenken, haben Sie nicht auch viel von dem beobachtet, was ich gerade geschildert habe?

Diese gewisse Ernüchterung erlebe ich oft, wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen über das diskutiere, was ja unsere Arbeitsgrundlage ist. Mein lieber Kollege Philipp Laage, der wirklich außergewöhnlich schöne Reisereportagen geschrieben hat und auch schon mehrfach Buchautor ist, hat das Ganze zusammengefasst zu einem sehr treffenden Titel: „Travel is broken. Warum Reisen oft enttäuscht und wie wir es neu entdecken können.“ Und weil er eben Journalist ist, lässt er es nicht einfach nur bei Gedanken, sondern hat diese Gedanken auf 224 Seiten zwischen zwei Buchdeckeln gepresst. Ein wirklich empfehlenswertes Buch aus dem Kösel Verlag, um wieder neue Hoffnung zu schöpfen, wie wir aus dieser Falle der enttäuschten Erwartungen wieder ausbrechen können.
Hoffnung für die Enttäuschten?
Wir haben uns dieses Buch einmal analytisch vorgenommen und ein sehr munteres Streitgespräch daraus produziert. Warum das Urlaubmachen einen Riss bekommen hat in seiner makellosen Fassade – und ob es dafür ein Reparatur-Kitt gibt
Link zum Buch
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