Einmal rund um die Welt mit der Vasco da Gama - Illustration © Aixpress/Gemini

172 Tage Meeres-Sehnsucht
Mit der Vasco da Gama von nicko cruises westwärts um die Welt

Gedanken von Jürgen Drensek

Es gibt Reisen, die plant man. Und es gibt Reisen, die leben schon lange in einem tief drin, noch bevor man überhaupt darüber nachdenkt, sie wirklich zu buchen.

Eine Weltreise auf einem Schiff gehört ziemlich sicher in die zweite Kategorie. Wo man eines Morgens aufwacht und denkt: So eine bekloppte Idee! Egal, jetzt mache ich es doch…! 

Aber damit es nicht allzu spinös wird mit der Spontaneität, schreibe ich besser schon heute über genau so eine Reise, damit noch ein wenig Möglichkeit für Planung bleibt. Wir wollen (und können) die Realität, die normative Kraft des Faktischen, ja nicht einfach ausblenden… Blick nach vorne also auf den Jahreswechsel 2027 und 2028.

Seit einiger Zeit bietet Nicko Cruises als eine der wenigen Reedereien für den deutschsprachigen Markt jedes Jahr mit der Vasco da Gama eine Weltreise an. Auch in einigen Monaten geht es wieder los, nachdem das Schiff bei der letzten Umrundung des Globus ja wirklich arges Pech hatte. Ausgerechnet der Iran-Krieg rüttelte die Route mächtig durch am Ende – und dann kam noch das aus Reederei-Sicht größere Unglück obendrauf: Vier der fünf Generatoren an Bord hatten nach den 30 Jahren auf den Weltmeeren keine richtige Lust mehr. Ergebnis: ein immer länger werdender, nicht geplanter Aufenthalt auf der Werft im Dock anstatt mit Passagieren unterwegs. Etliche, teilweise sehr gut gebuchte Reisen mussten abgesagt werden. 2026 war also bisher kein so richtig gutes Jahr für Nicko. Auch, wenn die Kreuzfahrt im Gegensatz zur gesamten Touristik immer noch mit einem leichten Plus das Geschäftsjahr wird beenden können.

Die unendlich lange Reise

Zurück zu den schöneren Gedanken… Für viele Menschen – und vielleicht ganz besonders für die Generation, die das Reisen noch als etwas Seltenes, Kostbares und beinahe Feierliches kennengelernt hat – ist eine solche Fahrt der Stoff, aus dem früher Fernweh gemacht wurde. Nicht das schnelle Wochenende in Barcelona. Nicht fünf Tage Dubai mit Shopping und Rooftop-Bar. Sondern das große Ganze. Das langsame Entfernen von zu Hause. Das tägliche Leben mit dem Horizont. Die Ahnung, dass die Welt größer ist als jeder Terminkalender. Und dass man ihr vielleicht doch noch einmal in Ruhe begegnen könnte.

172 Tage. Allein diese Zahl hat etwas Unwirkliches. Dabei ist sie eigentlich noch etwas weniger unwirklich, als die Dauer der Weltreise, die diesen Winter startet:193 Tage… Sie klingt nicht nach Urlaub, sondern nach einem Lebensabschnitt. Nach einer eigenen Epoche. Nach einer Zeit, in der man nicht „mal weg“ ist, sondern wirklich verschwindet – zumindest aus jener Welt, in der To-do-Listen, Müllabfuhrtermine und das Öffnen der nächsten E-Mail eine Form von Wirklichkeit darstellen.

Mit der Vasco da Gama von nicko cruises wird es, so die Planung, am 4. November 2027 von Lissabon aus westwärts vorzugsweise südlich um den Globus gehen. Über ein halbes Jahr auf See. Küsten, Kontinente, Inseln, Passatwinde, Kulturwechsel, Zeitzonen, Sternenhimmel und diese eigentümliche Form des Reisens, die man auf modernen Megaschiffen fast vergessen hat: das langsame Schlendern durch die Welt.

Und bevor man an Bord geht, stellt man sich zwangsläufig Fragen. Viele Fragen. Warum will ich das eigentlich? Will ich mir einen Kindheitstraum erfüllen? Ist das die späte Verwirklichung jener „Traumschiff“-Fantasie, die sich über Jahrzehnte im Fernsehgedächtnis festgesetzt hat – elegant gekleidete Gäste, exotische Häfen, Sonnenuntergänge in Pastell und irgendwo immer ein Hauch von Aufbruch?

Oder ist es gerade das Gegenteil? Der Wunsch, dem durchoptimierten, beschleunigten Tourismus unserer Zeit für eine Weile zu entkommen? Keine Wasserrutschen, keine Daueranimation, keine 7-Nächte-Fun-Cruise, bei der man zwischen Buffet und Landgang kaum Zeit hat, überhaupt zu begreifen, wo man gerade ist.

Eine Weltreise auf der Vasco da Gama ist keine Flucht ins Spektakel. Sie ist eher eine Rückkehr zum Begriff „Reise“.

Der alte Traum vom Unterwegs-sein

Es gibt wohl kaum ein Bild, das sich so tief in die europäische Vorstellung von Freiheit eingebrannt hat wie ein Schiff, das am Horizont verschwindet. Schiffe tragen etwas Archaisches in sich. Sie versprechen Aufbruch, ohne Hektik. Sie bewegen sich, aber sie hetzen nicht. Sie verbinden Orte nicht nur geografisch, sondern emotional. Wer fliegt, ist plötzlich irgendwo. Wer mit dem Schiff reist, versteht, wie weit es wirklich ist.

Gerade ältere Reisende spüren das oft besonders stark. Viele von ihnen sind in einer Zeit aufgewachsen, in der ferne Länder noch wirklich fern waren. Als Australien nicht einfach nur ein Langstreckenziel war, sondern fast schon ein anderer Planet. Als Südsee, Südamerika oder Polynesien nach Abenteuergeschichten klangen, nicht nach Instagram-Reels. Als die Weltkarte mehr Verheißung als Verfügbarkeit bedeutete.

Heute ist theoretisch alles erreichbar. Praktisch aber geht mit dieser Erreichbarkeit oft auch etwas verloren: die Vorfreude, die Langsamkeit, das tiefe Einsickern eines Orts in das eigene Erleben.

Eine Weltreise auf einem Schiff holt genau dieses Gefühl zurück. Nicht als Retro-Inszenierung, sondern als echte Erfahrung.

Man fährt nicht einfach von Highlight zu Highlight, sondern erlebt die Übergänge. Das Meer zwischen den Kontinenten. Die Tage, an denen scheinbar „nichts passiert“ – und in Wahrheit sehr viel. Man wacht auf und weiß: Heute gibt es keinen Ausflug, keine Sehenswürdigkeit, kein Pflichtprogramm. Nur Wasser, Himmel, Bewegung. Und gerade darin liegt plötzlich ein Luxus, den kein All-inclusive-Paket der Welt bieten kann.

Die erste große Frage: Bin ich eigentlich der Typ dafür?

So romantisch die Idee klingt – wer sich ehrlich mit einer 172-tägigen Weltreise beschäftigt, sollte sich nichts vormachen. Das ist kein Urlaub, den man einfach bucht wie zwei Wochen Kanaren mit Balkonkabine.

Eine so lange Reise ist ein Experiment. Vielleicht sogar ein kleines, gut gepolstertes Abenteuer mit Zimmerservice. Denn natürlich drängen sich vorab ganz praktische und psychologische Fragen auf. 

      • Werde ich mich langweilen?
      • Werden mir die Mitreisenden auf die Nerven gehen?
      • Werde ich nach sechs Wochen noch Freude daran haben, elegant zum Abendessen zu gehen?
      • Wie fühlt es sich an, so lange keinen festen Boden des Alltags unter den Füßen zu haben?
      • Und vielleicht die ehrlichste Frage überhaupt: Halte ich mich selbst eigentlich 172 Tage lang aus?

Das ist nämlich das Schöne und zugleich Unbequeme an langen Seereisen: Man reist nicht nur um die Welt, man reist auch eine ganze Strecke mit sich selbst. Es gibt kein hektisches „schnell noch dies, schnell noch das“, hinter dem man sich verstecken kann. Auf See wird vieles stiller. Gedanken bekommen Platz. Erinnerungen auch. Manches klärt sich. Manches meldet sich zurück.

Nicht jeder sucht das. Aber wer offen dafür ist, findet darin vielleicht den eigentlichen Wert einer Weltreise.

Kreuzfahrt ist nicht gleich Kreuzfahrt

Es ist wichtig, das klar zu sagen: Wer bei Kreuzfahrt sofort an riesige schwimmende Städte mit Achterbahn, Surfsimulator, Partydeck und Dauerbeschallung denkt, liegt bei einer Reise wie dieser schlicht falsch.

Die Vasco da Gama steht für eine andere Art des Reisens. Ein klassisch geprägtes Schiff, überschaubarer, persönlicher, weniger auf Event getrimmt als auf Atmosphäre. Mehr Promenadendeck als Freizeitpark. Mehr Seereise als Spektakel.

Genau das könnte hier den Reiz ausmachen.

Denn eine Weltreise verlangt nach einem Schiff, das nicht permanent sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Wer 172 Tage unterwegs ist, braucht keinen künstlichen Dauerrausch, sondern einen Rahmen, in dem Reise wirklich stattfinden kann. Orte zum Lesen. Ecken zum Schauen. Räume, in denen man Menschen begegnet, ohne ihnen ausgeliefert zu sein. Ein Deckstuhl mit Blick auf den Pazifik ist auf so einer Route wertvoller als jede Kletterwand.

Und noch etwas unterscheidet diese Form des Reisens fundamental von den üblichen Kurz-Kreuzfahrten: das Zeitgefühl.

Auf einer typischen 7-Nächte-Kreuzfahrt herrscht oft eine gewisse Taktung des Abhakens. Hafen, Ausflug, Foto, zurück an Bord, Show, nächster Hafen. Das kann Spaß machen, keine Frage. Aber es ist eine sehr moderne, sehr komprimierte Version von Reise. Eine Weltreise dagegen entzieht sich diesem Rhythmus. Sie darf Lücken haben. Sie lebt von Wiederholungen und Überraschungen. Sie ist kein Best-of-Album, sondern ein ganzer Roman.

Der Moment vor der Buchung: Vernunft gegen Sehnsucht

Eine solche Reise ist ein Entschluss. Und vor diesem Entschluss stehen fast immer Abwägungen.

Die erste ist finanzieller Natur. Eine Weltreise dieser Länge ist kein spontaner Konsum, sondern eine bewusste Investition in Lebenszeit. Man gibt nicht nur Geld aus, sondern Monate. Das macht die Entscheidung so groß. Die große Weltreise gibt es zwar schon ab knapp 27.000 € Basispreis. Das macht umgerechnet gerade mal 155 € pro Tag. Klingt nach einem Schnäppchen. Bloß jeder, der schon mal an Bord war, weiss, bei dem Preis (für eine Innenkabine) bleibt es nicht. Ausgeben kann man unendlich, ausgeben wird man realistisch auch. Denn die Landausflüge machen ja erst die Reise zur Weltreise.

Die zweite Abwägung betrifft die Gesundheit. Bin ich fit genug? Wie belastbar bin ich? Was ist, wenn unterwegs etwas passiert? Gerade ältere Reisende stellen diese Fragen mit gutem Grund. Und zugleich liegt genau darin oft eine sehr berührende Entschlossenheit: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Denn auch das ist Teil der Wahrheit. Solche Reisen werden selten gemacht, weil man unendlich Zeit hat. Sie werden gemacht, weil man verstanden hat, dass Zeit eben nicht unendlich ist.

Und dann gibt es da noch die emotionale Hürde. Darf man sich so etwas überhaupt gönnen? Ist es zu luxuriös, zu extravagant, zu abgehoben? Oder ist es vielleicht schlicht legitim, sich einen Traum zu erfüllen, für den man ein Leben lang gearbeitet hat?

Gerade Menschen einer Generation, die eher gelernt hat, vernünftig als verschwenderisch zu sein, ringen oft mit dieser Frage. Doch vielleicht ist eine Weltreise nicht in erster Linie Luxus, sondern eine Form gelebter Freiheit. Nicht protzig, sondern existenziell. Eine Entscheidung für Erfahrung statt Aufschub.

Lissabon: Der Anfang könnte kaum passender sein

Wenn es einen Ort gibt, an dem eine westwärts führende Weltreise poetisch sinnvoll beginnt, dann ist es Lissabon.

Kaum eine europäische Stadt trägt den Geruch von Aufbruch so selbstverständlich in sich wie Portugals hügelige Hauptstadt. Hier blickt man hinaus auf den Tejo, der breit und licht zum Atlantik führt, und spürt sofort, dass dies seit Jahrhunderten eine Stadt der Abfahrten ist. Eine Stadt, in der man weiß, dass hinter dem Horizont mehr wartet als Wetter.

Wer in Lissabon an Bord geht, startet also nicht einfach in eine Kreuzfahrt. Man tritt ein in eine Erzählung, die viel älter ist als man selbst. Westwärts. Schon das Wort hat Klang. Es riecht nach Passat, nach Karten, nach jenen Weltgegenden, die früher mit kühner Handschrift in Atlanten eingetragen wurden.

Das Ablegen selbst ist auf einer Weltreise kein gewöhnlicher Moment. Es ist nicht nur das Verlassen eines Hafens, sondern das bewusste Überschreiten einer inneren Schwelle. Man winkt nicht einfach einem Kai hinterher, sondern dem Alltag. Vielleicht auch ein wenig der Person, die man bis hierher gewesen ist.

Die Angst vor der Langeweile

Kaum etwas wird im Vorfeld so häufig gefragt wie: „Und was macht man da den ganzen Tag?“

Die moderne Welt hält Langeweile für ein Problem. Das liegt vermutlich daran, dass sie sie kaum noch aushält. Jede Lücke wird gefüllt, jede Stille übertönt, jede Wartezeit bespielt. Ein Schiff auf großer Fahrt setzt dem etwas entgegen, das zunächst fast irritierend wirken kann: Es gibt Zeit. Viel Zeit.

Und genau daran muss man sich erst gewöhnen.

An Seetagen ist das Programm auf den ersten Blick unspektakulär. Frühstück, ein Gang an Deck, ein Vortrag, ein Buch, vielleicht ein Gespräch, Kaffee, Meer, Abendessen, ein Drink, Musik, Schlaf. Das klingt für manche verführerisch, für andere bedenklich.

Aber Langeweile auf See ist oft keine Leere, sondern Entwöhnung. Man braucht ein paar Tage, vielleicht auch zwei Wochen, bis das innere Nervensystem begreift, dass nicht jede Stunde produktiv sein muss. Dann beginnt etwas Interessantes: Die Wahrnehmung wird feiner. Man sieht Licht anders. Man spürt Windrichtungen. Man merkt, dass das Meer tatsächlich nicht jeden Tag gleich aussieht. Man kommt mit Menschen ins Gespräch, mit denen man zu Hause nie gesprochen hätte. Und manchmal sitzt man einfach da und schaut hinaus – nicht aus Mangel an Alternativen, sondern weil es reicht.

Diese Fähigkeit zum Schauen ist vielleicht eine der schönsten Nebenwirkungen einer Weltreise.

Und die Mitreisenden?

Ja, auch diese Frage muss gestellt werden. 172 Tage mit denselben Menschen – das klingt für manche nach Gemeinschaft, für andere nach sozialem Härtetest.

Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. (Und „zum Glück“ macht nach den Erfahrungen der letzten Jahre nur die Hälfte der Gäste an Bord tatsächlich auch die gesamte Reise mit…)

Natürlich wird es Typen geben. Den Vielredner beim Frühstück. Die Dame, die jeden Vortrag kommentiert. Das Paar, das immer schon fünf Minuten vor allen anderen im Bus sitzt. Den Hobby-Geopolitiker. Die professionelle Besserwisserin bei Landausflügen. Den notorischen Nörgler, für den das Meer wahrscheinlich zu nass ist.

Aber ebenso wird es Begegnungen geben, die man nie vergisst. Gespräche auf dem Promenadendeck über ein Leben, das plötzlich in Episoden vor einem ausgebreitet wird. Erzählungen von früheren Reisen, von Berufen, von glücklichen Zufällen und bitteren Abschieden. Freundschaften, die sich nicht durch Coolness, sondern durch Verlässlichkeit bilden. Kleine Rituale. Ein Lächeln an „Ihrem“ Tisch. Das stille Einverständnis unter Menschen, die gemeinsam etwas Großes erleben.

Auf einer langen Reise sortiert sich das Miteinander meist von selbst. Man findet seine Kreise, seine Rückzugsorte, seine Lieblingszeiten. Niemand muss permanent mit allen befreundet sein. Das Schiff ist Gemeinschaft und Rückzug zugleich. Gerade auf einem kleineren, klassischeren Schiff funktioniert diese Balance oft besser als auf anonymen Riesen. Und auf der Vasco wird die magische Zahl 1000 nicht überschritten. Man will nicht alle Kabinen belegen, um jedes Gefühl von Enge von vornherein zu vermeiden. 

Und vielleicht ist das Entscheidende: Man reist nicht deshalb, weil die anderen perfekt sind, sondern weil die Welt da draußen wartet.

Was macht es mit dem Zeitgefühl?

Schon nach wenigen Wochen verschiebt sich etwas. Zuhause zählt man in Tagen, Meetings, Wochenenden. Auf See zählen andere Einheiten: Seetage, Anläufe, Ozeane, Zeitzonen, Sonnenuntergänge.

Das Leben wird nicht unbedingt langsamer, aber anders geordnet.

Man beginnt, Distanzen wieder zu begreifen. Der Pazifik ist dann nicht mehr bloß eine blaue Fläche auf dem Globus, sondern eine erfahrbare Größe. Südamerika ist nicht einfach „da unten“, sondern ein Kontinent, dem man sich nähert. Polynesien ist plötzlich nicht mehr Postkartenpoesie, sondern eine wirkliche Abfolge von Inseln, Menschen, Farben und Gerüchen.

Vielleicht liegt darin der tiefste Reiz einer Weltreise per Schiff: Sie gibt der Welt ihre Maßstäbe zurück.

Im Flugzeug wird Ferne abgeschafft. Auf dem Schiff wird sie wieder fühlbar. Das ist nicht unbequem, sondern kostbar. Denn Staunen braucht Entfernung. Wer überall sofort ist, verlernt irgendwann, worüber er eigentlich staunen sollte.

Zwischen den Kontinenten

Viele klassische Urlaubsformen sind auf Ziele fixiert. Die Reise dazwischen ist bloße Notwendigkeit. Bei einer Weltreise auf See sind gerade diese Zwischenräume oft das Wertvollste.

Da sind die Tage nach dem Auslaufen, wenn die Küste langsam verschwindet und man merkt, wie die Gedanken hinterherkommen. Da ist die Überquerung großer Ozeane, wenn das Schiff zum eigenen kleinen Kosmos wird. Da sind Ankünfte, die nicht aus einem Flughafengate entstehen, sondern aus einem langsamen Sich-Nähern. Erst ein Punkt am Horizont, dann Kontur, dann Landschaft, dann Hafen. So kommt man an einem Ort wirklich an.

Und dann diese wunderbaren Kontraste: eben noch Europa, dann die Atlantikweite, dann die Karibik. Später Mittelamerika, die Durchquerung eines legendären Kanals, Inselwelten, pazifische Weite, Australien, Asien, der Indische Ozean, arabische Küsten, Mittelmeerlicht. Eine Weltreise ist kein monotones Dahingleiten, sondern ein permanenter Wechsel von Weltbildern.

Jeder Abschnitt hat seine eigene Farbe, seine eigene Temperatur, seinen eigenen Rhythmus. Gerade das westwärtige Reisen folgt einer fast erzählerischen Dramaturgie: Man fährt der Sonne nach, aber auch alten Entdeckerlinien, und immer weiter in Landschaften hinein, die im kollektiven Reisetraum jahrzehntelang als Inbegriff des Fernen galten.

Das „Traumschiff“-Motiv

Natürlich kommt man um diesen Vergleich nicht herum. Für Generationen deutschsprachiger Reisender war das ZDF-Traumschiff weit mehr als bloße Unterhaltung. Es war eine Projektionsfläche. Eine Chiffre für Ferne, Stil, Leichtigkeit und ein Leben, in dem die Welt noch in Etappen bereist wurde und Eleganz nicht automatisch Ironie bedeutete.

Ist der Wunsch nach einer Weltreise also bloß nostalgischer Kitsch?

Nein – jedenfalls nicht nur.

Sicher, es gibt in diesem Traum einen Anteil von Inszenierung. Die Vorstellung, gut gekleidet an Deck zu stehen, einen Drink in der Hand, während irgendwo eine exotische Küste auftaucht, ist die Grund-Dramaturgie der ZDF Schmonzette. Aber warum sollte man das gering schätzen? Menschen leben nicht nur von Effizienz, sondern auch von Bildern, Symbolen und Sehnsüchten.

Entscheidend ist doch, was dahinterliegt.

Oft geht es gar nicht um Glanz, sondern um Würde. Um die Idee, eine Reise nicht als Konsumprodukt, sondern als Erlebnis mit Form und Haltung zu erleben. Um ein gewisses Maß an Stil, das nicht elitär sein muss, sondern einfach bedeutet: Diese Zeit ist besonders, also behandeln wir sie auch so.

Wenn man abends auf einem solchen Schiff zum Essen geht, hat das weniger mit Eitelkeit als mit Ritual zu tun. Man markiert den Tag, man gibt ihm Kontur. In einer Welt, die ständig nachlässiger, eiliger und funktionaler wird, liegt in solchen kleinen Formen des Feierlichen etwas Tröstliches. Und von mir aus darf man sich auch auf die Eisbombe mit Glitzersternchen freuen…

Die Sorge, zu weit weg zu sein

Nicht jeder spricht offen darüber, aber sie ist da: die Angst vor der Distanz. Sechs Monate fast ohne echtes Zuhause. Geburtstage, Familienereignisse, Jahreszeitenwechsel, all das läuft daheim weiter, während man selbst irgendwo zwischen Tahiti und Auckland oder zwischen Singapur und Colombo den Sonnenaufgang betrachtet.

Kann man das?

Auch das hängt von der Lebensphase ab. Wer noch mitten in Beruf, Schulalltag und familiärer Dauerverantwortung steckt, wird 172 Tage kaum so einfach aus dem Leben herauslösen. Wer aber später reist, erlebt genau darin oft eine seltene Form der Freiheit. Nicht, weil man keine Bindungen mehr hätte, sondern weil man gelernt hat, dass Nähe nicht immer physische Anwesenheit bedeutet.

Und vielleicht ist gerade diese Distanz Teil der Erfahrung. Man verlässt nicht nur Orte, sondern auch Gewohnheiten des ständigen Verfügbar-Seins. Das kann anfangs irritieren, dann erleichtern und schließlich fast heilsam sein. Die Welt dreht sich weiter, auch ohne uns – eine Erkenntnis, die demütig macht und entlastet zugleich.

Was man unterwegs lernt

Kein Prospekt kann vollständig beschreiben, was eine Weltreise mit einem macht. Man kommt nicht als anderer Mensch zurück, aber vielleicht als genauerer.

Man lernt, dass Größe relativ ist – und Kleinheit auch. Dass ein unscheinbarer Moment an Deck manchmal mehr bleibt als eine berühmte Sehenswürdigkeit. Dass das Meer Geduld lehrt. Dass Wetter die Stimmung beeinflusst, aber nicht definieren muss. Dass man mit weniger auskommt, als man dachte. Dass Routinen auch unterwegs guttun. Dass Gespräche wertvoller werden, wenn niemand sofort wieder weiter muss.

Vor allem aber lernt man, dass Erinnerung Zeit braucht. Eine Weltreise ist kein Erlebnis, das man nach der Rückkehr „fertig“ im Regal stehen hat. Im Gegenteil: Sie arbeitet nach. Wochenlang, monatelang, manchmal Jahre. Bilder tauchen wieder auf. Gerüche. Gesprächsfetzen. Die Farbe des Himmels irgendwo im Südpazifik. Das Geräusch des Schiffs in einer warmen Nacht. Eine Uferlinie, die man nie wieder vergessen hat.

Wer so reist, hat hinterher nicht einfach viele Fotos, sondern einen inneren Kontinent mehr.

Ist das etwas für jedermann?

Natürlich nicht. Und das ist auch gut so.

Eine 172-tägige Weltreise verlangt eine gewisse Bereitschaft zur Langsamkeit, zur Wiederholung, zur Offenheit und zum Loslassen. Wer nur den Kick sucht, die permanente Reizverdichtung, die Event-Taktung, wird auf Dauer vermutlich unruhig. Wer hingegen die Mischung aus Komfort, Bewegung, Kultur, Natur und kontemplativer Weite schätzt, findet hier ein Format, das in unserer beschleunigten Gegenwart beinahe radikal wirkt.

Es ist auch keine Reise für Perfektionisten. Nicht jeder Hafen wird bei Traumwetter erscheinen. Nicht jeder Ausflug wird magisch sein. Ganz sicher nicht. Manchmal wird man müde sein. Manchmal wird man einen Tag lang nichts Spannendes erzählen können. Aber vielleicht ist gerade das das wahre Gegenteil zum überinszenierten Reisen unserer Zeit: Nicht jeder Moment muss ikonisch sein, damit das Ganze groß wird.

Die schwierige Rückkehr

Merkwürdigerweise denken viele vor der Abreise intensiv über das Losfahren nach – aber kaum über das Zurückkommen.

Dabei ist gerade das oft eine kleine Herausforderung.

Wer 172 Tage unterwegs war, hat einen eigenen Rhythmus entwickelt. Der Blick ist weiter geworden, der Alltag entrümpelt, die Zeiteinteilung weicher. Dann kommt man zurück in eine Welt, in der alles sofort wieder Takt, Termin und Tempo verlangt. Der Kühlschrank summt, das Telefon klingelt, Rechnungen liegen da, jemand fragt, ob die Reise „schön“ war – als ließe sich ein halbes Jahr Welt in ein Adjektiv falten.

Nein, schön ist dafür zu klein.

Eine Weltreise ist überwältigend, inspirierend, manchmal auch anstrengend, gelegentlich ermüdend, oft beglückend und fast immer größer als ihre Erzählbarkeit. Man braucht tatsächlich Zeit, um sie zu verarbeiten. Vielleicht den Rest des Jahres. Vielleicht noch länger. Nicht, weil sie so spektakulär war, sondern weil sie so vielschichtig ist.

Das Schiff ist irgendwann wieder fest vertäut, aber innerlich fährt man noch eine Weile weiter.

Warum man es tun sollte

Am Ende bleibt die Frage: Warum sollte man so eine Reise unternehmen? Weil man die Welt sehen möchte? Ja. Weil man Komfort mit Fernweh verbinden will? Auch das. Weil man noch einmal etwas wirklich Großes erleben will, etwas, das nicht nur konsumiert, sondern durchlebt wird? Ganz sicher.

Aber vielleicht gibt es noch einen tieferen Grund. Eine Weltreise mit einem kleineren Schiff, wie der Vasco da Gama ist gelichzeitig ein stiller Protest gegen die Verkleinerung des Lebens auf Nützlichkeit. Gegen die Idee, dass Erfahrungen nur dann legitim sind, wenn sie effizient, jung, trendig oder digital verwertbar sind. Sie sagt: Es gibt Träume, die man nicht rechtfertigen muss. Es gibt Aufbrüche, die keinen anderen Zweck haben als den, das eigene Leben zu weiten.

Für viele ältere Reisende ist das womöglich die schönste Pointe überhaupt. Gerade in einem Lebensabschnitt, in dem die Welt einen gern auf Routinen, Vorsicht und Überschaubarkeit festlegt, noch einmal aufzubrechen. Nicht trotzig, sondern neugierig. Nicht auf der Suche nach Selbstoptimierung, sondern nach Staunen.

Und wenn wir ehrlich sind: Gibt es einen würdigeren Luxus als Zeit, Aufmerksamkeit und Welt?

Fazit: Kein Urlaub, sondern eine Geschichte

172 Tage auf der Vasco da Gama ist keine gewöhnliche Kreuzfahrt. Es ist ein Ausnahmezustand im besten Sinne. Eine Reise, die dem alten Wort Fernweh seinen Ernst zurückgibt. Eine Fahrt für Menschen, die nicht bloß Ziele sammeln, sondern Zusammenhänge erleben wollen. Für jene, die das Meer nicht als Lücke zwischen zwei Flughäfen betrachten, sondern als eigenen Erfahrungsraum. Für alle, die ahnen, dass man der Welt manchmal am besten begegnet, wenn man sich ihr nicht im Eiltempo nähert.

Wird man sich langweilen?

Vielleicht an einzelnen Nachmittagen. Und vielleicht entdeckt man gerade dann eine Form von Frieden, die im Alltag verloren gegangen war.

Werden einem Mitreisende auf die Nerven gehen?

Gewiss, gelegentlich. So wie Menschen eben Menschen sind. Aber wahrscheinlich werden manche davon am Ende zu den Gesichtern gehören, die untrennbar mit dieser Reise verbunden bleiben.

Wird man neue Ideen haben, andere Perspektiven, Erinnerungen, die lange nachhallen?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ja.

Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit über eine Weltreise: Man kehrt nicht mit Antworten zurück, sondern mit einem größeren Fragen-Horizont. Man hat mehr gesehen, aber vor allem mehr gespürt. Mehr Weite, mehr Zeit, mehr Welt.

Und womöglich steht man irgendwann Monate später wieder zu Hause am Fenster, schaut in einen ganz gewöhnlichen, leicht verregneten Nachmittag und denkt plötzlich an das Ablegen in Lissabon. An den ersten Blick aufs offene Meer. An dieses unvernünftige, wunderbare Gefühl, dass man es tatsächlich getan hat.

Den Kindheitstraum.

Nicht im Fernsehen.

Sondern wirklich.

Ich muss zugeben, in mir arbeitet gerade was… 😉

 

Weitere Informationen über die Weltreisen mit der Vasco da Gama