Mit Ruhe-Retreat und Rutschen-Spaß in den Sommer... Illustration © Aixpress/Gemini

Zwischen Kerosin und Krisen Yoga
TUI gibt das Urlaubsjahr 2026 noch lange nicht verloren

Kommentar: Jürgen Drensek

Kennen Sie zufällig den Artikel 3 des Kölschen Grundgesetzes? „Et hätt noch emmer jot jejange“ Es ist der beglückende Inbegriff des pragmatischen Optimismus; das unerreichbare rheinische Lebensmotto für Gelassenheit und Zuversicht. Und wundersamer Weise hatte es sogar die Kraft, sich bis ins etwas dröge Hannover vorzukämpfen…

TUI zwischen Euphorie und Krisenmodus

Man muss die PR-Abteilung in Hannover fast bewundern. Während die Reisebranche kollektiv den Atem anhält – gebeutelt von Inflation, schmelzenden Urlaubsbudgets und der Verunsicherung durch den Iran-Krieg –, liefert die TUI-Pressestelle Schlagzeilen, die nach purer Euphorie klingen. Da ist die Rede von „Antalya im Sprint“, „Comeback-Zielen“ und „grenzenlosem Wasserspaß“.

Doch blicken wir hinter die glitzernde Fassade aus Wasserparks und Yoga-Matten: Kann das Last-Minute-Geschäft wirklich ein Jahr retten, das bis vor wenigen Monaten noch weit unter den Zahlen von 2025 dahindümpelte?

Die „Westbewegung“: Wenn Angst den Markt lenkt

Erinnern wir uns an den Beginn des Konflikts im Mittleren Osten. Um verunsicherte Urlauber überhaupt noch zur Unterschrift zu bewegen, lockte man sie mit Flex-Tarifen. Das Versprechen: Sicherheit durch die Möglichkeit, jederzeit umzubuchen, falls der Krieg eskalieren sollte. Die Folge war eine nicht gerade logische aber fast schon emotional-panische „Westbewegung“. Wenn der Osten „brennt“, sucht der deutsche Pauschaltourist sein Heil in Andalusien, auf den Balearen oder den Kanaren.

Mondpreise auf Mallorca und den Kanaren

Hier schnappte die Falle zu. Die Hoteliers im Westen, allen voran auf Mallorca und den Kanaren, folgten der härtesten Regel des Kapitalismus: Knappes Angebot trifft auf eine durch Angst getriebene Nachfrage. Die Folge waren fast schon Mondpreise. Wer trotz der Kriegswirren buchte, aber auf Nummer sicher gehen wollten, musste diese exorbitanten Preise für die westlichen Alternativen schlucken.

Das Comeback von Last Minute

Nun erleben wir eine paradoxe Situation, die den Reiseveranstaltern Tränen in die Augen treibt. Jahrelang versuchte man mit Hochdruck, das früher so verbreitete Phänomen „Last Minute“ auszurotten, um Planungssicherheit zu gewinnen. Jetzt ist es zum Entsetzen der Strategen zurück. Die Frühbucher lagen preislich zwar recht gut, doch wer heute bucht, findet plötzlich wieder satte Rabatte vor. Manchmal sogar noch bessere. Die viele Betten sind noch leer und haben eine extrem kurze Halbwertzeit: Nicht gebucht bedeutet Totalverlust.

TUI lockt mit Rabatten bis zu 40 Prozent

Das Kartenhaus der Hochpreis-Hoteliers im Westen bricht gerade zusammen. Denn jetzt sind die Urlauber mit dem für Pauschalis berühmten Gedächtnis einer Eintagsfliege wieder offen für die Türkei und drumherum und Ägypten. Angesichts der drohenden Buchungslöcher müssen vor allem die Spanier schnell von ihren hohen Rössern und Preisen herunter, um ihre Betten zu füllen. Gleichzeitig kämpfen die Türkei und Ägypten darum, ihre Saison irgendwie zu retten. TUI-Chef Benjamin Jacobi verkündet „attraktive Preise“ mit Ersparnissen von bis zu 40 Prozent. Was für den Kunden wie ein Segen klingt, ist für die Bilanz der Veranstalter ein Offenbarungseid.

Aber nicht zu lange warten

Wer aber jetzt glaubt, er könne ewig auf noch tiefere Preise warten, spielt ein gefährliches Spiel. Die Zeit drängt. Die zu Jahresbeginn günstig eingekauften jetzigen Restposten an Flügen werden knapp. Diese Kontingente wurden noch ohne die massiven Kerosinzuschläge gesichert, die heute den Markt beherrschen. Sobald diese Plätze weg sind, schlägt die Kostenkeule zu. Zudem werden die teuren West-Hoteliers nicht freiwillig in Dumping-Regionen verharren, sollte die Reiselust der Deutschen nun doch noch kurzfristig anspringen. Flexibilität bei Reiseziel und Termin ist das neue Mantra für Schnäppchenjäger.

Klimawandel als Reiserisiko

Und dann ist da noch ein Faktor, den kein Marketing-Experte wegatmen kann: der Klimawandel. In den letzten Jahren wurden wir an die sommerlichen Horrormeldungen über Waldbrände und extreme Hitzeperioden am Mittelmeer fast schon gewöhnt. Da waren die Urlauber aber gefangen; sie hatten Monate im Voraus fest gebucht und konnten bei 45 Grad Hitze nicht einfach stornieren.

Heute ist das Informationsverhalten anders. Fliegt wirklich jemand kurzfristig in die Türkei oder nach Griechenland, wenn er in der Morgenzeitung liest, dass dort gerade die 50-Grad-Marke geknackt wird?

Splashworld als Antwort auf Hitze

TUI versucht gegenzusteuern, indem man den Fokus auf den „Erlebniswert“ verschiebt. Das neue Splashworld-Konzept (sieh mal an, alles Gute kommt wieder. Neckermann hatte Wasserpark-Kataloge schon vor gefühlt 20 Jahren…) soll mit 25 Hotels und gigantischen Wasserparks Familien nach Antalya oder Hurghada locken. Man verkauft Wasserspektakel als Mittel gegen die klimatische und politische Hitze.

Entspannung in politisch aufgeheizten Zeiten

Wer es spiritueller braucht, dem bietet die Marke TUI Blue Yoga-Retreats oder „Reset“-Events in der Türkei an. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragikkomik, ausgerechnet in einer geopolitisch und klimatisch so aufgeheizten Region nach seinem inneren Gleichgewicht zu suchen. Doch genau das ist die Wette: Die TUI setzt auf das Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Sicherheit, das angeblich nur die klassische Pauschalreise bieten kann.

Zwischen Rabatt und riskanten Poker

Gelingt es tatsächlich, mit Last Minute die Menschen zum kurzfristigen Buchen zu bewegen? TUI behauptet, der Sommerurlaub 2026 sei gesichert. Der analytische Blick zeigt jedoch ein hochgefährliches Pokerspiel gegen die Zeit, den Geldbeutel und das Thermometer.

Man schafft es zwar, die „Westbewegung“ durch Rabatte im Osten auszugleichen. Aber zu welchem Preis? Eine Woche in einem Splashworld-Hotel in der Türkei kostet für eine vierköpfige Familie immer noch ab ca. 2.789 Euro. Ob das in Zeiten von Inflation und Iran-Krieg für jeden ein unbeschwerter Preis ist, bleibt abzuwarten. 

Der Sprint nach Antalya könnte zudem für viele zum Schweißbad werden – und für die Veranstalter zum finanziellen Hindernislauf. In der Touristik wird die Abrechnung erst gemacht, wenn die letzte Yoga-Matte eingerollt und die letzte Rutsche trocken gelegt ist. Bis dahin bleibt vieles lediglich: Pfeifen im Walde.

Bei Airtours boomt der Luxusmarkt

Während sich der Normalverdiener also überlegt, ob er für 40 Prozent Rabatt bei 48 Grad im Schatten brutzeln will, blickt man in einer ganz bestimmten Ecke der TUI-Zentrale tiefentspannt auf die Weltlage. Die Luxusmarke Airtours lässt die ganze Krise nämlich völlig kalt. Wer das nötige Kleingeld hat, findet eben immer einen Ort für stressfreie Erlebnis-Urlaube auf höchstem Niveau. Der Sonderbereich „Private Travel“, der maßgeschneiderte Reisepakete für Urlauber schnürt und damit locker sechsstellige Rechnungen verursacht, meldet nach dem vorläufigen Ende des Iran-Kriegs bereits jetzt einen Zuwachs von 28 Prozent zum Vorjahr.

Sie haben es sich verdient…

Für Steffen Böhnke, den Luxus-Verantwortlichen bei der TUI, wäre es deshalb rein geschäftlich gesehen überhaupt kein grosses Drama, wenn die deutsche Nationalmannschaft bei der WM früh ausscheidet. Im Gegenteil: Dann hätten die Kicker viel früher Zeit für ihren Urlaub. Und da nahezu alle Nationalspieler auf der exquisiten „Private Travel“-Kundenliste stünden, gilt für sie ganz besonders der gute alte TUI-Slogan: Sie hätten sich ihren Urlaub schließlich redlich verdient.