Kommentar: Jürgen Drensek

Keine Frage: wir alle, die wir WAS MIT REISEN zu tun haben, sehnen den Tag herbei, wo es so ist, wie früher, wo Urlaub machen noch ein Traum für viele war. Wo es mehr darum ging, Menschenströme zu kanalisieren, die Situation der Bereisten nicht aus dem Blick zu verlieren, und die Nachhaltigkeit zu fordern, wenn es denn schon um das „Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit“ geht.

Jetzt sollen langsam diese Corona-bedingten Beschränkungen wieder gelockert werden, Grenzen sich vorsichtig öffnen, und sogar der Urlaub unter Palmen nicht mehr als absurde Phantasie gelten. Aber wird das tatsächlich, vielleicht sogar schnell, zu einem Schritt in Richtung Normalität? 

Bei aller Liebe zur positiven Es-wird-schon-wieder-gut-werden-Attitüde: nein, wir sind noch viele Monate weit entfernt von einem Zustand, der auch nur im Entferntesten als „normal“ angesehen werden könnte. Alles andere ist Zweckoptimismus und sich in die Tasche lügen wollen.

Dafür muss man den Blick gar nicht auf das Große richten, wie die Schocknachricht, dass der Welt-größte oder auf jeden Fall sicher Europas mächtigster Touristikkonzern, die TUI, 8000 Stellen streichen will. Ausgerechnet die Smiley-Firma, die doch immer als Fels in der Brandung galt. Wenn die schon straucheln in Hannover, wann fallen denn die FTIs, die Alltouris, die Schauinslands? Und wann dreht der durch die Hamsterkäufe zwar pumperl-liquide Lebensmittelkonzern REWE der DERTouristik den Saft ab? Von den vielen kleineren Spezialisten gar nicht zu reden?

TUI – Schock mit Ansage

Geschenkt sei in diesem Schockzustand, dass die Konzernführung der TUI schon seit längerem mit der Belegschaft über der Frage im Konflikt liegt, wieviel Stellen man abbauen müsste, um auch zukunftsfähig zu bleiben. Der Umbau vom klassischen Veranstalter, der Urlaubspakete verscherbelt, zum vertikal integrierten Player auf dem Markt ist ja keine Idee, die durch das Virus geboren wurde. Und wahrscheinlich kommt die Situation dem einen oder anderen Vorstand an der Karl-Wiechert-Allee auch ganz zu Pass. Harte Maßnahmen auf Covid19 schieben zu dürfen, lässt sich in einer Pressemitteilung leichter verkaufen…

Und es ist ja auch nicht die TUI alleine, die sich in diesen Tagen ohne viel Erklärungs-Notwendigkeit für vielleicht Managementfehler im Virus-Windschatten einen schlanken Fuß machen möchte auf Kosten vieler Mitarbeiter.

Aber wie gesagt, gehen wir gar nicht ganz nach oben in unserer Betrachtung der touristischen Zukunft. Graswurzel-Beobachtungen. Der Italiener an der Ecke, der Angst hat vor dem Freitag, wenn er wieder öffnen darf. Mit den Hygiene-Auflagen an die Gastronomie ist ein vernünftiges Wirtschaften eigentlich gar nicht möglich. Momentan wurstelt er sich mit einem Koch, einem Pizza-Bäcker und ihm selbst am Liefer-Tresen irgendwie durch mit dem Außer-Haus-Verkauf. Aber sicher nicht mit zwei Schichten Personal und halb leerem Restaurant, mit Mundschutz und Komplett-Desinfektion des Tisches und jeder Speise-, und Weinkarte bei jedem Gäste-Wechsel. Wobei wir ja auch noch nicht wissen, wie viele Menschen so eine Art Restaurant-Besuch in Krankenhaus-Anmutung sehnlichst herbeisehnen. 

Oder die Hotels? All die Häuser, die mehr sein wollen, als ein überdachtes Bett für den Reisenden.  In einer Schaltkonferenz mit Hoteliers bekam ich heute mit, wie verhalten sich die Branche auf die „neue Freiheit“ freut. Häuser, die sich einen Namen gemacht haben, weil ihre Software so begehrenswert ist; sprich, ihre Gastfreundschaft, die Atmosphäre, die Entspannung, das körperliche und geistige Verwöhnt-werden. Wie soll das funktionieren, wenn ich bei der Begrüßung kein feuchtes Tuch mehr reichen darf, oder ein Getränk? Wenn ich nicht mehr Gastgeber sein soll, sondern Thekenkraft am Empfang hinter Plexiglas? Wenn die Kommunikation auf ein Mindestmaß reduziert werden muss, und der Gast sich selbst, vielleicht sogar mit dem schweren Koffer, irrlichternd zum Zimmer hindurch suchen muss? Ist das Hotellerie, wie wir sie haben möchten? Wenn die Wellnessbereiche geschlossen bleiben müssen, oder mit so vielen Auflagen versehen sind, dass es einfacher ist, sich eine Reha bei der Krankenkasse verschreiben zu lassen.

Emotional-aseptisches Hotel?

Was für ein Urlaub ist es, wenn ich dauernd den Geruch des Desinfikationsspays in der Nase habe, und nicht den komponierten Hotelduft, der bei manchen Ketten sogar zum Markenzeichen wurde? Klar kann ich als Gast auf das Frühstücks-Büffet verzichten. Ein serviertes Frühstück ist mir eh hundertmal lieber. Aber was bedeutet das kostenmäßig für den Hotelier? Der sowieso schon nicht mehr weiss, wie er angesichts der verordneten kleinen Belegung noch über die Runden kommen soll? Dass der Gast das großzügig sieht vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der ihm normalerweise versprochenen Leistungen des Hauses vorschriftskonform vorenthalten werden, kann ich mir nicht vorstellen.

Also aus touristischer Sicht ist diese Öffnung, die jetzt im Raum steht, und an die sich auch die Reisebranche ganz grundsätzlich klammert, weil nur sie wenigstens ansatzweise träumen lässt, dass man irgendwie wieder ins Geschäft kommt, ein vergiftetes „Geschenk“ in Richtung Normalität.

Es wird sehr darauf ankommen, wie kreativ Hoteliers und Gastronomen mit den Behörden-Vorschriften umgehen. Natürlich will ich hier nicht zum Ungehorsam aufrufen, aber ohne eine gewisse Kölsche Nonchanalance, sondern dagegen verschreckt und mit einem Michel-Gehorsam mit Metermaß wird die Pleitewelle der Branche noch schneller und härter kommen, als sie jetzt schon droht angesichts des Shutdowns. 

Das Problem ist: wenn die Gäste überwiegend ausbleiben, weil sie erste befremdliche Erfahrungen im Restaurant machen und auch in den Medien sehen, wie emotional-aseptisch es in den Hotels Corona-bedingt so zu geht, dann wird das Scheitern der Gastgeber vielleicht von der Politik als unternehmerisches Risiko abgeschoben. 

Also liebe Branche, freut Euch nicht zu früh, dass es, zumindest theoretisch, bald schon wieder losgehen könnte