Urlaub? – Jein danke!“
Corona und die Reiselust

Spoiler Alarm – jein, das ist das traurige Ergebnis, zu dem ich komme. Und ich weiß, jetzt geht gleich die Schnapp Atmung los bei den geschätzten Touristikern. Wie kann der Drensek als Ehrenpräsident der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten so etwas schreiben?! Dieser Nestbeschmutzer, der doch wirklich zu gut weiss, wie dramatisch gerade die Lage ist für jeden, der mit der schwer verkäuflichen Ware Urlaub sein Geld verdient… 

Und ja, ich fühle mich natürlich extrem unwohl, so etwas zu empfehlen, was dem hohen Gut des Reisens derartig entgegen steht. Der Berufsmensch in mir sagt, es ist doch alles organisierbar. Haben wir in den letzten Wochen gelernt. Die Branche ist schließlich einfallsreich, hygienische Anforderungen irgendwie umzusetzen und gleichzeitig willens, auch die Herausforderungen des Volumenmarktes anzunehmen.

Aber der Privatmensch, der nun als zweites Ich in den letzten Wochen mit unterwegs war, fühlt sich nach den Erfahrungen eben auch unwohl, und stellt sich die Frage, brauche ich das? Muss ich das haben für mein Glück? Da steht das Nein. Ziemlich klar sogar. 

Weil es aber nicht nur den Ballermann gibt oder andere Covid19-befördernde Spaß-Exzesse der letzten Tage, die durch die Medien schwappten,  und weil es auch Urlaube gibt, die per se eher Gruppen-fern sind und gut erreichbar, ist das Nein doch zu einem Jein in der Unterschrift mutiert… Chacun à son goût – jedem Tierchen sein Pläsierchen…

Ich komme gerade zurück von den Kanaren. Die Insel-Regierung hat zusammen mit der Welt-Tourismus-Organisation UNWTO demonstrieren wollen, wie sehr die Kanaren sich bemühen, den so dringend herbei gesehnten Gästen wieder einen sicheren Urlaubsort zu bieten. 

Die Inszenierung am Flughafen

Ok, lassen wir mal das Kasperletheater beiseite, was da mit zweitägigen Anreisen und zig mal umsteigen-müssen gebastelt wurde, damit die kanarischen und spanischen Medien etwa hundert europäische Journalisten auf Sonderflug von Madrid als Staffage bekamen für die Politiker Inszenierung auf dem Airport auf Gran Canaria. Sehen wir großzügig darüber hinweg, dass man aufgefordert wurde, per App oder online spätestens 48 Stunden vor Ankunft einen Unbedenklichkeits-QR-Code zu erstellen. Zu einem Zeitpunkt, wo das bei den meisten Zubringer-Airlines noch gar nicht ging, weil die nötige Sitzplatz-Nummer erst 24-30 Stunden vor Abflug beim Online-Check-In erhältlich ist (es sei denn, der Platz wird als teure Extra-Leistung vorab gekauft…) Geschenkt, dass sich bei der Ankunft niemand für den QR Code interessierte, oder etliche Mitreisende genötigt wurden, das gesamte Formular noch einmal auf Papier (!) auszufüllen, weil angeblich alle Online Daten verloren gingen…

Die Gepäck-Halle auf Gran Canaria glich einem Hollywood-Set für einen Virus-Break-Out Thriller. Abgesteckte Lauf-Korridore, zig grimmig herumstehende Guardia Civilista (mit Gewehren im Anschlag), Laser-Thermometer-Batterien, dutzendfach medizinisches Personal in Seuchen Schutzkleidung (!) und sogar eine Quarantäne-Station neben dem Kofferband – und wir als Statisten missbrauchte Journalisten als Bühnenbild für die spanischen TV-Abend-Nachrichten. Denn natürlich gab es nur spanische Statements, fremdsprachige Nachfragen nicht erwünscht und ignoriert. Man sollte sich doch  bitte an die jeweilige PR-Organisation des Heimatlandes wenden… Politiker wollen halt ihre große Bühne. Auch, wenn sie nichts Substanzielles mitzuteilen haben. Vielleicht gerade dann.

Natürlich weiß ich aus Jahrzehntelanger Erfahrung, dass man solche Events aus beruflichem Selbstschutz eigentlich meiden muss. Die Kernaussagen aus dem Floskelkasten der blumigen Nichtigkeiten sind so vorhersehbar, dass es vertane Lebenszeit ist, ihnen live beizuwohnen.

Aber es sollte uns auch die Möglichkeit geboten werden, eine Insel nach eigener Wahl zu beobachten bei der Umsetzung des Massnahme-Katalogs. Das war natürlich interessant. Ich hatte mich für Lanzarote entschieden. Bewusst nicht für die Bettenburgen im Süden Gran Canarias und Teneriffas. Deren Probleme werden dieselben sein, die wir jetzt schon in den Ballungszentren des fröhlichen Urlaubs erkennen. Die Fallzahlen werden hoch schnellen. Vor Ort, aber dann auch zurück gekehrt wieder bei uns daheim.

Eben, vor dem Rückflug, geriet ich noch in eine lautstarke Demonstration vorwiegend von Senioren vor dem Inselrat-Gebäude in Santa Cruz de Tenerife. Die berechtigte Angst der besonders gefährdeten Einheimischen geht um, dass das tumbe Urlaubs-Partyvolk es in kurzer Zeit schafft, das Virus doch noch auf die Inseln einzuschleppen. Wo man doch so erleichtert war, die Pandemie im Gegensatz zu Festland-Spanien erfolgreich über Monate aussperren zu können. 

Das Prinzip Hoffnung

Auf Lanzarote zum Beispiel liessen sich die Toten mit Fingern abzählen. Zum Glück. Denn das Insel-Krankenhaus wäre mit vielen Fällen natürlich überfordert. Aber der wirtschaftliche Druck… Er gebiert das Prinzip Hoffnung, um nicht in der ökonomischen Verzweiflung zu verharren. 

Auf Lanzarote hat man nur ein bisschen mühsamen Weinbau in Lava-Erdlöchern und etwas Fischfang. Sonst lebt man vom Tourismus. In den letzten Jahren  gar nicht schlecht. César Manrique, der künstlerisch-fantastische Gestalter der Insel bis zu seinem Tod 1992, würde aus seinem Grab rufen, in den letzten Jahren viel zu gut. Seine Vision des sanften Tourismus auf der kargen, aber wunderschönen Vulkaninsel fing gleich an, zu bröckeln – nach seinem Tod und dem des ihm sehr zugewandten Insel-Präsidenten Pepín Ramírez Cerdá. Die strikten Expansions-Limitierungen wurden unterlaufen – wie überall, wo das  große touristische Geld lockt. 

Mittlerweile hat Lanzarote eigentlich auch zu viele Betten. Vor allem zu viele „abgewohnte“, die immer schwerer zu verkaufen sind, weil andere Länder mehr bieten für weniger Euro. Die Kanaren waren in den letzten Jahren – so muss man es schonungslos sagen – vorwiegend Krisen-Gewinnler. Wegen ihrer „Sicherheit“ und ihrem Gegenentwurf zu unappetitlicher politischer Führung im östlichen Mittelmeer. Nicht wegen der touristischen Qualität. Da kam der völlige Absturz ins Nichts seit März umso härter. 

Zur Zeit haben auf Lanzarote etwa 10 Prozent der Hotels geöffnet, mit noch schwacher Belegung . Man braucht kein Betriebswirtschaftler zu sein: Wer da  als Hotelier keine Kette als Sicherheit hat, dem geht bei sechsstelligen Kosten pro Monat bald die Puste aus. Nun sollen die Urlauber möglichst schnell kommen. Bis zum Herbst will man auf 50 Prozent Kapazität wachsen. Die Insel-Regierung hat, just in case, sogar zwei Hotels als Corona-Quarantäne angemietet. Wenn es nur schon genug Flüge gäbe – und die ängstlichen Hotel-Angestellten sich motivieren liessen, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren…

Geradezu rührend wurde ein Hygiene Masterplan entwickelt. Seitenlang. Vom eindeutigen Seuchen-Procedere, Hotelzimmer erst mal 24 Stunden vor dem nächsten Gast zu desinfizieren, bis hin zu Abstandspunkten und Lauf-Markierungen, dass es einem ganz schwindelig wird. Es wird alles desinfiziert, bis die letzte Bazille aufgibt. Meine Hände wurden ganz trocken von gefühlt 30 mal am Tag Ethanol-Gel. Maske auf, selbst im Wind-umtosten Kratergebiet der Feuerberge. In den (qualitativ erstaunlich guten) Restaurants wurde so auf Entfernung eingedeckt, dass man beim Social Distancing das Gefühl hatte, Dinner for One zu erleben. 

Natürlich alles mit bester Absicht, ein fürsorglicher Gastgeber zu sein. Und sicher auch etwas übertrieben, weil wir ja quasi die Testpersonen waren. Aber, wird das ausreichen? Kann man wirklich verhindern, dass schon unentdeckte Virus-Träger auf die Inseln kommen? Gar nicht in böser Absicht? Das ist die eine, ganz pragmatische Frage, ob der ganze Aufwand zielführend ist. Auf Lanzarote als nicht klassischer Beach-Destination wird das vielleicht noch funktionieren. Aber man braucht nur auf Mallorca zu schauen, um die Fratze der Sorglosigkeit und des Egoismus studieren zu können bei denselben oder sogar noch strengeren Regeln.

Die normative Kraft des Faktischen

Deshalb noch wichtiger: werden das genügend  Menschen unterstützen im Urlaub, der doch vor allem eins sein will: die Flucht aus den Zwängen des Alltags? Dinge tun zu können, für die daheim es keine Möglichkeit gibt. Sich frei zu fühlen…

Da habe ich meine ganz starken Zweifel. Der Wohlstands-verwöhnte Nachkriegsmensch scheint nur eine extrem geringe Bereitschaft zu haben, sich und seine Wünsche einzuschränken. Das gelingt vielleicht noch kurzfristig, wenn die Panik durchschimmert. Aber es wäre naiv, zu glauben, bei einer latenten, aber permanenten Gefahren-Situation, deren Ende überhaupt nicht absehbar ist, würde gerade im Urlaub die Vernunft siegen…

Da fühle ich gar nicht so anders. Auch wenn Party, Besäufnis und drangvolle Enge überhaupt nicht meine Dinge sind. Es stört mich einfach, im Urlaub täglich mit dem Virus konfrontiert zu werden – im Ausland überdies stärker als daheim. Die Ferientage sind deshalb eben keine Flucht aus dem Alltag mehr. Im Gegenteil.

Deshalb möchte mein privates, ansonsten doch so reisefreudiges ICH am liebsten Berlin dieses Jahr gar nicht verlassen. Schrecklich, dass ich diese Zeile jemals schreiben muss. Es wird sich ja auch nicht realisieren lassen. Schließlich müssen weiter Reportagen-Filme gedreht werden für die Zeit nach Covid 19. Für die äußerst vage Zeit danach. Heute im halb leeren und nahezu Service-befreiten Condor Flug zurück fühlt sich der Gedanke ziemlich schlecht an. Zum ersten mal, seitdem ich mich mit Reise professionell beschäftige. Als wir das nächtliche Paris überfliegen, beginnt gerade die Lichtshow am Eiffelturm. Aus der Entfernung sieht es aus, wie ein Notsignal auf stürmischer See.

 


Buch-Tipps

Sehe gerade auf dem Schreibtisch irgendwie passend ein Büchlein, das ich vom Bruckmann Verlag zugeschickt bekam: „Glücksmomente in Berlin – 135 Orte und Erlebnisse, die glücklich machen„, von Stella Hempel. Das Jahr ist also gesichert, daheim schöne Erlebnisse zu haben. Eben mal drin geblättert. Bin ganz geflasht von den vielen Inspirationen…

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Und noch eine kleine Lese-Empfehlung, um Berlin überhaupt zu verstehen… Selbst für jeden Berliner hilfreich, um nicht an seiner irgendwie doch geliebten Stadt vollends zu verzweifeln… „Berlin in 100 Kapiteln“ der beiden Journalisten Harald Martenstein und Lorenz Maroldt. Aber keine Angst, es ist kein dicker Schmöker. Das verrät schon der Untertitel „… von denen leider nur 13 fertig wurden…“ Man könnte es so sagen: wenn Sie dieses Buch durchgelesen haben (was wirklich ein Vergnügen ist) und danach tatsächlich noch Lust auf Berlin Haben…, dann haben Sie sich die Stadt auch verdient…Es ist das Grundproblem von Berlin, dass hier einfach nichts funktioniert. Und es macht wahrscheinlich einen Großteil der Faszination aus, hier permanent in einem Anarcho-Labor unterwegs zu sein. Daheim in Hildesheim darf man sich dann am Erlebten etwas gruseln. Und der (meist zugezogene) Berliner erklärt sich eh solidarisch mit dem Kölschen Grundgesetz: Et es wie et es / Et küt wie et küt! / Et hät noch emmer joot jejange 

 

Link-Tipp

Ach ja…, und wenn es Ihnen gerade reicht, im bequemen Lesesessel auf virtuelle Reise zu gehen… Visit Berlin hat das sicher nicht als Alternative im Sinn gehabt, aber eher als Appetithäppchen. Die Liste von Romanen, die in Berlin spielen, ist auf jeden Fall sehr animierend…

 

Urlaub? - Jein danke!"
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