Die Economy Class als Legehennen-Batterie - Gift für die Beine - Foto: Jumpstory

Die Thrombose fliegt mit
Wie man sich schützen kann

Kommentar: Jürgen Drensek

Es war ein Schock am Londoner Flughafen Heathrow. Am Gepäckband stand Emma Christofferson, gerade zurückgekehrt aus Sydney. Mit ihrem Freund war die 28jährige drei Wochen in Australien unterwegs gewesen. Anlass: die Olympischen Spiele. Plötzlich bricht die Marks & Spencer Verkäuferin zusammen. Kurze Zeit später verstirbt sie im Krankenhaus. Erste Diagnose: Reise-Thrombose. Damit gilt sie als eines der jüngsten Opfer des so genannten „Economy Class Syndroms“. Eine potentiell tödliche Krankheit, hervorgerufen vor allem durch das unverantwortliche Verhalten der Airline Manager, die rücksichtslos immer mehr Menschen in ihre mit Sitzreihen voll gepropften  Flugzeuge stopfen, um den Ertrag zu steigern.

Ein Warnschuss an die Luftfahrtbranche? Mitnichten. Mittlerweile sind die Sitze in der Economy Class noch viel enger bestuhlt, als es im Jahr 2000 der Fall war. Heute muss man feststellen, dass jeder Passagier, der größer ist, als 1,80 m, nicht mehr auch nur halbwegs bequem sitzen kann in der Economy Class. Das mag für eine Kurzstrecke noch angehen, aber der minimale Sitzabstand hat mittlerweile auch die mittleren und selbst die langen Flüge erreicht. 

Es wird getrickst

Und dabei weiss jeder Branchenkenner, dass überdies bei den offiziellen Sitzabständen getrickst wird für die Rankings. Neue Sitze dienen nicht etwa der Steigerung des Komforts. Ihre immer mehr reduzierte Rücken-Polsterung lässt sie auf dem Metermaß zwar etwas weiter vom Vordersitz erscheinen, aber nur auf Kosten der Bequemlichkeit. 

Und damit es täglich nicht noch mehr fast handgreifliche Streitigkeiten zwischen Passagieren gibt, weil der Vordermann rücksichtslos seinen Sitz in Ruheposition bringt und damit den Menschen hinter sich quasi einklemmt, werden die Sitze der neuesten Generation eben kaum noch Verstell-Möglichkeiten nach hinten haben. Bei den Billig-Airlines ist das schon länger so.

Die Folgen von „billig“

Natürlich ist der Verbraucher nicht ganz unschuldig an dieser dramatischen Entwicklung. Zu lange hatte er den Einflüsterungen von Firmen wie Ryanair, EasyJet und Co geglaubt, dass Fliegen eigentlich fast zum Nulltarif zu haben wäre. Dabei geht das natürlich nur, wenn Menschen in der Luft schutzlos wie Legehennen behandelt werden für den optimalen Kabinen-Ertrag. Kalle Schmitz, der einmal im Jahr nach Malle düst, wird das ertragen, schon in bierseliger Laune. Und auch die vielen Passagiere vor Corona, die auf City-Trips innerhalb Deutschlands oder Europas unterwegs waren, haben zwar geseufzt, aber waren gleichzeitig auch nicht unfroh darüber, dass der Flug oft weniger gekostet hatte, als die Taxifahrt zum Flughafen.

Mittlerweile ist der Trend klar: wer es als Passagier gesundheitlich oder aus Gründen der Selbstachtung nicht aushalten kann, im „günstigen“ Economy Tarif zu fliegen, wird mit so hohen Zusatzgebühren für Beinfreiheit, Gepäck, Komfort und Essen bestraft, dass das Ticket bei vergleichbarer Convenience zum Ende des vergangenen Jahrtausends heute inflationsbereinigt sogar mehr kostet. So viel zum verlogenen Claim der Airlines, die angeblich ja nur auf das Passagier-Bedürfnis reagiert hätten, so frugal wie möglich fliegen zu wollen…

Lobby-Machenschaften

Doch der nicht mehr vorhandene Komfort und das völlige Aufgeben von Gastfreundlichkeit in der Economy ist nur die eine Seite der Unverantwortlichkeit. Die Strategie der Airline Lobby ist dabei so perfide, wie immer. Alles abstreiten, was sich nicht eindeutig durch Gutachten verifizieren lässt. Das ist dasselbe Spiel, wie beim hartnäckigen Leugnen bis zum heutigen Tag, dass es durchaus nicht selten Gifte in der Kabinenluft gibt durch die Abgas-geschwängerte Klimaanlage. Oder die Behauptung, es wäre nahezu unmöglich, sich im Flugzeug mit Corona zu infizieren; die Luft sei vergleichbar mit der in einem OP. Ist natürlich Mummpitz und höchstens unter Laborbedingungen reproduzierbar ohne das normale Verhalten der Passagiere, die bei einem Flug die Luftdüsen über ihrem Kopf naturgemäß nicht auf volle Puste schalten. Aber der Wahnsinn hat Methode: solange – siehe Taback-Industrie – nicht ein hohes Gericht  Ursache und Wirkung klar benennt, werden Kritiker an den Zuständen so auf Distanz gehalten.

Whataboutism

Bei der Reise-Thrombose ist es ähnlich. Drei wissenschaftliche Gutachter, fünf Meinungen. Die Reise-, oder Flug-Thrombose sei im Endeffekt nur als eine besondere Form der schon seit den Zeiten der Luftbunker im Zweiten Weltkrieg bekannten Sitzthrombose zu sehen. Soll das beruhigen? Mit dieser Ungefährheit lässt sich natürlich ungeniert weiter Geld verdienen. Die Airline Lobby pickt sich aus den vielen Untersuchungen – und gerade nach dem Fall Christofferson hat auch die WHO Druck gemacht – immer das Ergebnis heraus, dass im Vergleich zur Gesamtzahl der Flugreisenden die Zahl derjenigen nur gering sei, die durch Konditionierung und Vorerkrankungen ein erhöhtes oder sogar hohes Risiko hätten, eine Bein-Venen-Thrombose als Ursache des ungesunden Sitzens in einem Flugzeug zu erleiden. Da wird auch ungeniert mit Whataboutism jongliert: es gäbe jetzt ja auch viele Fälle durch stundenlanges Homeoffce-Sitzen vor dem Computer. Und überhaupt müsse erst noch nachgewiesen werden, dass Betroffene nicht schon vor Betreten des Flugzeugs einen kritischen Zustand in den Beinen gehabt hätten. Angeblich gäbe es ja auch Fälle von Business-Class-Passagieren mit Reise-Thrombose. Woraus man den putzigen Schluss zieht, dass enges Sitzen wohl kaum die Ursache sein könne…

Fest steht, dass bei Reisen ab vier Stunden das Risiko einer klassischen Reise-Thrombo-Embolie (RTE) merklich zunimmt; je mehr, je länger man im Flugzeug sitzen muss.

Medizinische Tipps

Für den Thrombose Experten Prof. Dr. Jürgen Ringwald aus Lütjensee gibt es – ungeachtet des Gutachter-Streits und der negierenden Haltung der Luftfahrt-Branche – deshalb nur einen Rat als Reisemediziner: Für die große Mehrheit der Flugreisenden gilt: wenn dir niemand hilft, helfe dir selbst:

Also rät das CRM, das Centrum für Reisemedizin, zu folgenden Tipps, um eine Reise-Thrombose auf Flügen zu vermeiden:

      1. regelmäßig trinken auf dem Flug, etwa ein großes Glas alle zwei Stunden – aber natürlich nicht Alkohol oder Kaffee
      2. für den Flug keine enge, unbequeme Kleidung tragen
      3. nicht die Beine übereinander schlagen und öfter mal aufstehen – wenn es sich denn machen lässt, und man gerade bei einem Langstreckenflug nicht auf einem Mittel-, oder sogar Fensterplatz festsitzt. (Auf Langstrecke ist in der Regel ein Gangplatz immer die beste Wahl.)
      4. wenn Herumgehen kompliziert wird, wenigstens häufiger mal die Muskelvenenpumpe aktivieren. Also Hände auf die Knie und mit Gegendruck die Füße zwingen, zwischen Ferse und Zehen zu wippen. Das kann jeder machen, auch ohne den Nachbarn auf den Geist zu gehen.
      5. nach Möglichkeit Kompressionsstrümpfe tragen, die bis zum Knie reichen. Es gibt solche schwächeren Reise-Stümpfe rezeptfrei für jeden. Menschen mit erhöhtem Thrombose-Risiko sollten sich aber unbedingt einen festeren, passgenauen vom Fachmediziner verschreiben lassen. Diese kosten in der Regel schließlich auch über 100 Euro das Paar.
      6. nicht selbst medikamentös experimentieren. Dachte man zum Beispiel noch vor wenigen Jahren, dass die Wundermedizin gegen alles, Aspirin, auch gegen Reise-Thrombose gut helfen könnte, weiss man es mittlerweile besser. Nein, Aspirin hilft nicht. (Oder man müsste so viel nehmen, dass vielleicht die Vene schön frei bleibt vom Blutklümpchen, dafür aber jedes Magengeschwür Gefahr läuft, aufzubrechen…)
      7. mit dem Arzt darüber sprechen, ob wegen des eigenen gesundheitlichen Zustands nicht vielleicht doch ein Medikament gegen die Blutgerinnung sinnvoll wäre vor einem langen Flug. Und hier gibt es wenigstens einen Hoffnungsschimmer: Bisher gab es für diesen Fall eigentlich vorwiegend die Heparin-Spritzen, die man sich selbst vor dem Abflug subkutan in den Bauch oder Oberschenkel stechen musste. Für Menschen, die das nicht so gewohnt sind mit dem Spritzen, wie Diabetiker, war das schon eine oft angsterfüllte Zumutung auf dem Klo des Airports. Mittlerweile gibt es auch sogenannte „direkte orale Antikoagulanzien (DOAK)“ als Alternative. Sprich: ein Medikament zum Schlucken.

Doch leider gibt es medizinisch kaum etwas , ohne den Zusatz „aber“. Wer jetzt beim Lesen denkt. Na wunderbar, gegenüber dem nicht mehr vorhandenen Komfort beim Fliegen sind wir zwar ohnmächtig und können nur die Big Bosses der Airlines verfluchen. Aber wenigstens gibt es ein Pillchen, so dass wir auch den Flug nach Australien angstlos antreten können und uns das Schicksal von Emma erspart bleibt. Leider nicht. Diese DOAKs oder auch NOAKs sind zwar bequem, aber keinesfalls auf dem ungefährlichen Niveau vom Smarties. 

Off-Label-Use

Ein Arzt wird sie nur verschreiben, wenn medizinisch ein höheres Thrombose-Risiko begründet werden kann. Denn, ein Schelm, der Böses dabei denkt, interessierte Kreise haben es bislang erfolgreich verhindert, dass es auf Grund von Studien eine arzneimittelrechtliche Zulassung gibt für den speziellen Fall der Vorsorge gegen eine Flug-Thrombose. Sie sind effektiv, aber sie bleiben leider ein sogenannter Off-Label-Use. Das heisst, der Arzt muss selbstverantwortlich entscheiden, ob er die Medikamente verschreibt; nur wegen einer langen Flugreise. Denn keine Pille ohne Nebenwirkung. 

Es kommt also auf den Arzt an, ob er ein Herz für geknechtete Flugreisende hat. Für einen Flug bis zu den Kanarischen Inseln dürfte der Risiko-Nutzen-Effekt wohl in der Regel gegen einen ansonsten gesunden Passagier abgewogen werden. Bei Langstrecke sieht es schon anders aus. Ja, wenn Langstrecke demnächst überhaupt wieder zur normalen Urlaubsplanung gehören sollte aus den bekannten unschönen Gründen…

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